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title: "Wer ordnet – und nach welchen Maßstäben? Zwei Tage Tutzing über Macht im Digitalen"
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excerpt: "Mein Bericht von der Tutzing-Tagung 2026 über Macht im Digitalen – mit Einordnung: wer profitiert, was ein Sprachmodell wirklich tut, warum Standards die unterschätzte Machtfrage sind und weshalb die eigentliche Frage lautet: Wer ordnet?"
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  - "KI und Digitalisierung"
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Am 18. und 19. September 2026 lud die [Initiative D21](https://initiatived21.de/)
 gemeinsam mit der [Akademie für Politische Bildung Tutzing](https://www.apb-tutzing.de/)
, der [Gesellschaft für Informatik](https://gi.de/)
 und dem [Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Europarecht und Informationstechnologierecht der Universität Passau](https://www.jura.uni-passau.de/schroeder)
 zur [Tutzing-Tagung 2026](https://initiatived21.de/veranstaltungen/tutzing-tagung-2026)
. Der Titel war sperrig – „Die politische und ökonomische Bedeutung der Digitalität: Mechanismen und Machtverschiebungen“ –, die Leitfragen waren es nicht: Wer profitiert von der Digitalisierung? Wie verschiebt sich Macht zwischen Staaten, Unternehmen und Bürgerinnen und Bürgern? Welche Rolle spielen Daten, Infrastruktur und Künstliche Intelligenz als strategische Ressourcen?

Ich war zwei Tage dabei. Was folgt, ist ein Bericht mit Einordnung.

#### 1. Das Ende einer Illusion

Davos, 8. Februar 1996. John Perry Barlow veröffentlicht seine [„Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“](https://www.eff.org/cyberspace-independence)
: „Governments of the Industrial World, you weary giants of flesh and steel, I come from Cyberspace, the new home of Mind. On behalf of the future, I ask you of the past to leave us alone. You are not welcome among us. You have no sovereignty where we gather.“

Dieser Text kam in Tutzing zweimal vor, in zwei aufeinanderfolgenden Vorträgen.

Ann Cathrin Riedel

[Ann Cathrin Riedel](https://www.linkedin.com/in/ann-cathrin-riedel-24430422/)
, Geschäftsführerin von [NExT e.V.](https://www.linkedin.com/company/next-netz/)
, dem Netzwerk der Digitalisierungsverantwortlichen in der öffentlichen Verwaltung, eröffnete mit „Vom Neuland zur neuen Machtordnung“. Das Neuland ist Angela Merkels [Satz von 2013](https://netzpolitik.org/2013/das-internet-ist-fur-uns-alle-neuland/)
 – „Das Internet ist für uns alle Neuland.“ –, und Riedel nahm ihn ernster, als er damals genommen wurde: Neuland sei keine Aussage über technischen Rückstand, sondern eine politische Kategorie – ein Raum, der noch nicht vermessen, nicht zugeordnet, nicht geregelt ist. Barlows Erklärung zeige, dass dieser Zustand Programm war, kein Versehen; die Erwartung, das Netz regele sich selbst, habe rund dreißig Jahre getragen. Heute sei sie Geschichte: Der Raum, den man für regelungsfrei hielt, sei von Staaten und Unternehmen durchdrungen – nicht mehr das Draußen der Politik, sondern ihre zentrale Arena.

Benjamin Paaßen

Zwei Stunden später las [Benjamin Paaßen](https://www.linkedin.com/in/benjamin-paa%C3%9Fen-9a643a266/)
, Juniorprofessor für Wissensrepräsentation und Maschinelles Lernen an der [Universität Bielefeld](https://www.uni-bielefeld.de/)
 und stellvertretender Leiter des Educational Technology Lab am [Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI)](https://www.dfki.de/)
, denselben Text vor – und zog eine technische Lehre. Das Internet ist dezentral und ausfallsicher gebaut; kein Knoten ist unverzichtbar. Daraus sei die Vorstellung erwachsen, das Netz sei von Natur aus anarchisch und für niemanden kontrollierbar. Barlow habe Unrecht behalten, aus einem einfachen Grund: Das Netz sei damals klein genug gewesen, dass niemand ein großes wirtschaftliches oder politisches Interesse an seiner Kontrolle hatte.

Zwei Disziplinen, dieselbe Diagnose. Beide datieren das Ende derselben Illusion – die eine politisch, der andere technisch. Damit war der Rahmen gesetzt: Es ging nicht mehr darum, ob das Digitale geordnet wird, sondern von wem.

#### 2. Wer profitiert – und die Zahl, die sich politisch schlecht verkauft

Thomas Hess

Zwischen den beiden Barlow-Zitaten stand die ökonomische Bestandsaufnahme. [Thomas Hess](https://www.linkedin.com/in/thomas-hess-8877718b/)
, Professor für Wirtschaftsinformatik an der [Ludwig-Maximilians-Universität München](https://www.som.lmu.de/dmm/de/team/kontaktseite/thomas-hess-f97e84e9.html)
 und Mitglied des Direktoriums des [Bayerischen Forschungsinstituts für Digitale Transformation (bidt)](https://www.bidt.digital/)
, ordnete zunächst die Aufregung ein. Auf einer seiner ersten Folien stand: Künstliche Intelligenz „ist aber (nur) die jüngste Stufe einer langen technologischen Entwicklung“. Dann kamen die Zahlen.

Die Spitzengruppe der globalen Börsenwertrangliste „besteht fast vollständig aus Digital- und Technologiekonzernen (u. a. Apple, Microsoft, Nvidia, Alphabet, Amazon) – kein deutsches Unternehmen ist darunter“: rund 21 Billionen US-Dollar Börsenwert bei den führenden US-Konzernen, deutlich unter 0,5 Billionen bei den deutschen. Bei den Einhörnern – nicht börsennotierten Unternehmen mit einer Bewertung über einer Milliarde US-Dollar – stieg die Zahl in den USA zwischen 2015 und 2025 von rund 150 auf über 900, in Deutschland von rund 8 auf 36. Sein Merksatz dazu: „Pro Kopf bringen die USA das Sechs- bis Siebenfache an milliardenschweren Wachstumsunternehmen hervor“.

Hess’ Diagnose lautete nicht, Deutschland könne nicht gründen. „Gründen gelingt – Skalieren ist der Engpass“, hieß es auf seiner Folie, gestützt auf den [Startup Report 2025 des Bitkom](https://www.bitkom.org/Bitkom/Publikationen/Startup-Report-2025)
: Wachstumskapital ist knapp, Börsengänge finden im Ausland statt, der europäische Heimatmarkt ist zersplittert.

Die eigentliche Pointe aber war eine unspektakuläre Kurve unter der Überschrift „Das deutsche Produktivitätsproblem“. Sie zeigt die Arbeitsproduktivität – die Wirtschaftsleistung je gearbeiteter Stunde, also das Maß dafür, wie effizient eine Volkswirtschaft in der Breite arbeitet. Bezogen auf 2015 erreichten die USA 2025 einen Indexwert von 124, Deutschland von 107: plus 24 gegen plus 7 Prozent in zehn Jahren, nach dem [OECD Compendium of Productivity Indicators 2026](https://www.oecd.org/en/publications/oecd-compendium-of-productivity-indicators-2026_734a5e68-en.html)
. Dieser Zahl, machte Hess deutlich, komme mehr Gewicht zu als jeder Einhorn-Statistik: Der große volkswirtschaftliche Effekt hänge davon ab, ob eine Wirtschaft digitale Lösungen in der Fläche einsetzt – und die USA hätten das schneller getan. Förderung gehöre deshalb nicht nur zu Start-ups, sondern auch in die Transformation bestehender Unternehmen. Und dann der Satz, der hängen blieb: Dieses Thema lasse sich politisch schlecht verkaufen, weil es unanschaulich sei. Genau deshalb werde es vergessen.

Genau deshalb steht es hier. Mir scheint: Die Einhörner beschreiben die Spitze, die Produktivität die Fläche – und an der Fläche hängt der Wohlstand.

#### Wie eine Zahl an einem Abend ihre Bedeutung verlor

Dagmar Schuller

Am Freitagabend, im „Akademiegespräch am See“ mit [Prof. Dagmar M. Schuller](https://www.linkedin.com/in/prof-dagmar-m-schuller-2013a023/)
, Professorin für Wirtschaftsinformatik und angewandte KI an der [Hochschule Landshut](https://www.haw-landshut.de/)
, Vizepräsidentin der [IHK für München und Oberbayern](https://www.linkedin.com/company/ihk-muenchen/)
 (und vieles mehr), moderiert von [Ursula Münch](https://www.linkedin.com/in/ursula-muench/)
, der Direktorin der Akademie, bezog sich ein Diskussionsbeitrag auf die Zahl vom Nachmittag: ein Wachstumseffekt von 24 Prozent – beim Bruttoinlandsprodukt. Der Einwand selbst war berechtigt: Ein solcher Zuwachs erreiche nicht alle; das Bild dafür war der amerikanische Rust Belt. Nur die Etikettierung stimmte nicht mehr. Innerhalb weniger Stunden hatte die Zahl ihre Bezugsgröße gewechselt, von der Leistung je Arbeitsstunde zur gesamten Wirtschaftsleistung.

Das ist kein Vorwurf an eine Person; so funktioniert mündliche Weitergabe. Für eine Tagung über Deutungsmacht ist es aber ein passender Befund.

#### 3. Die Gegenrede aus der Informatik

Hess hatte auch gezeigt, wie Plattformlogik in einer klassischen Branche aussieht. Beispiel [Flix](https://corporate.flix.com/)
: Die digitale Plattform übernimmt Netzplanung, Preisbildung, Vertrieb und Marke, die Busse fahren mittelständische Partner. Sein Merksatz dazu: „Plattformen koordinieren Märkte – die physischen Assets liegen bei den Partnern“.

Zwei Stunden später widersprach Paaßen – ausdrücklich, wenn auch vorsichtig. Sein Stichwort hieß Enshittification, ein Begriff des Autors [Cory Doctorow](https://us.macmillan.com/books/9780374619329/enshittification/)
 für die planmäßige Verschlechterung digitaler Dienste, und er beschrieb den Lebenszyklus einer Plattform in vier Stufen: „1. Marktanteile werden mit niedrigen Preisen, viel Marketing und relativ guter Produktqualität erreicht / 2. Wachstum bis zu de facto Monopol (oder Oligopol) / 3. Systematische Verschlechterung von Produktqualität und Preissteigerungen / 4. Kundenbindung durch bewusste Nicht-Kompatibilität und Abschottung“. In der ersten Stufe, betonte er, schaffe die Plattform echten Mehrwert. Die dritte werde möglich, weil es keine Alternative mehr gibt: Wer wechseln will, verliert zu viel – die Ökonomie nennt das Lock-in –, und man ist dort, weil alle anderen dort sind. An dieser Stelle sagte er, es irritiere ihn, dass dieses Modell im vorangegangenen Vortrag als vorbildhaft für die deutsche Industrie dargestellt worden sei.

Das war der einzige direkte Widerspruch zwischen zwei Vortragenden, und er wurde nicht ausdiskutiert. Man kann ihn so lesen, dass beide recht haben, weil sie Verschiedenes betrachten. Hess sieht die Plattform aus der Perspektive des Unternehmens, das sie aufbaut – dort ist sie ein Erfolgsmodell. Paaßen sieht dieselbe Struktur über ihren gesamten Lebenszyklus, und dort endet sie nach seiner Darstellung in Monopol, Qualitätsverfall und Abschottung. Dass niemand die beiden zusammengebracht hat, war die auffälligste verpasste Gelegenheit des Programms.

Für die KI-Unternehmen selbst zeichnete Paaßen einen ähnlichen Kreislauf aus Benchmark-Erfolgen – standardisierten Tests, an denen Modelle gemessen werden –, Presse und Investitionen, in dem die Endkundinnen und Endkunden gar nicht vorkommen; er verwies dafür auf [Karen Haos Buch „Empire of AI“](https://www.penguinrandomhouse.com/books/743569/empire-of-ai-by-karen-hao/)
. Seine Prognose gab er ausdrücklich als Techniker, nicht als Ökonom: Das werde nicht ein bisschen, sondern massiv zusammenbrechen.

#### 4. Was ein Sprachmodell wirklich tut: der Würfel

Paaßens Kernstück funktioniert ohne Vorwissen.

Man gibt eine Frage ein – sein Beispiel: „Please define artificial intelligence in one sentence.“ Das System zerlegt den Text in Bausteine, sogenannte Tokens, vereinfacht: Wörter. Dann baut es einen Würfel. Auf den Seiten stehen mögliche nächste Wörter; wahrscheinlichere bekommen mehr Seiten. Der Würfel wird geworfen, das oben liegende Wort ist das erste der Antwort. Jetzt ist der Text um ein Wort länger, also wird ein neuer Würfel gebaut, wieder geworfen, und so fort, bis ein besonderes Token das Ende markiert. Das, sagte er, sei das ganze Geheimnis.

Training heißt dann, so seine Folie: „Die Würfel ändern, sodass sie zum Trainingstext passen.“ Man nimmt einen Text aus dem Internet, schneidet ihn an einer zufälligen Stelle durch, schaut, welches Wort tatsächlich folgt, und stellt den Würfel so nach, dass dieses Wort wahrscheinlicher wird – milliardenfach. Danach lernt das System an Frage-Antwort-Paaren, Fragen so zu vervollständigen, „dass es wie eine Antwort aussieht“; schließlich wählen Menschen unter mehreren Antworten ihre liebste aus, und „Texte werden so vervollständigt, dass Menschen (bei oberflächlicher Prüfung) zufrieden sind“.

Daraus folgen drei Missverständnisse, die er auf einer einzigen Folie zusammenfasste – das Gegenstück zu den drei Grundleistungen der Informatik, die er zu Beginn vorgestellt hatte: fehlerfreie Signalverarbeitung, Universalrechner, modularer Aufbau von Software.

„Sprachmodelle sind keine klassische Software: Wir haben Digitalcomputer wieder fehleranfällig gemacht.“ Klassische Software liefert bei gleicher Eingabe zuverlässig dieselbe Ausgabe. Ein Würfelverfahren nicht.

„Sprachmodelle sind keine Universalrechner: Scheinbar kann alles, was Text ist, Ein- und Ausgabe sein – LLMs sind aber nur für Textvervollständigung trainiert.“

„Anweisungen (Prompts) an Sprachmodelle sind eigentlich keine Anweisungen – wir hoffen bloß, dass Text vervollständigt wird, der wie eine richtige Antwort aussieht (keine Trennung von Daten- und Kontrollfluss).“ Die Klammer erklärte er auf Nachfrage: In einem klassischen Programm ist streng getrennt, was die Entwicklerin geschrieben hat und was die Nutzerin eingibt. Im Sprachmodell sind die Vorgaben des Anbieters und die Eingabe der Nutzerin technisch dieselbe Art von Text – daraus folgten auch Sicherheitsprobleme.

Wie schwer sich selbst Fachleute damit tun, zeigte sich am selben Abend, als Schuller „Large Reasoning Models“ als nächste Welle vorstellte – Modelle, die das Sprachmodell „um mehrstufiges, explizites Schlussfolgern (‚Reasoning‘) vor der Antwort“ erweitern. Ein Einwand aus dem Publikum hielt dagegen: Dass etwas wie ein Denkweg aussehe, heiße nicht, dass gedacht werde.

#### Die Tagung ließ sich von einer KI zusammenfassen

Am Samstagmittag, im Abschlussplenum, gab es keine Ergebnisplakate. Auf der Leinwand stand ein Browserfenster mit einer Webanwendung, die drei „Take-Aways“, einen Kernsatz und eine Dankesfolie zeigte, in der Fußzeile gekennzeichnet als „KI generiert auf Basis von 24 Beiträgen“.

Was dort stand, gebe ich nicht wieder. Es ist weder das Fazit der Tagung noch die Aussage einer Person, sondern die maschinelle Verdichtung von Teilnehmerbeiträgen – erzeugt von genau der Art System, deren Funktionsweise am Vorabend erklärt worden war: Text, so vervollständigt, dass Menschen bei oberflächlicher(?) Prüfung zufrieden sind.

Der Vorgang selbst aber ist die Beobachtung wert: Eine Tagung über Machtverschiebungen durch Digitalität schließt mit einer maschinellen Selbstzusammenfassung. Mir scheint, nichts in Tutzing hat das Thema so anschaulich vorgeführt wie diese Viertelstunde.

#### 5. Die unterschätzte Machtfrage: Standards

Die belastbarste Einzelerkenntnis der Tagung kam aus drei Richtungen unabhängig voneinander.

Riedel lieferte das Vokabular. Nach einer Typologie der Londoner Sicherheitsforscher [David Betz und Tim Stevens](https://www.routledge.com/Cyberspace-and-the-State-Towards-a-Strategy-for-Cyber-Power/Betz-Stevens/p/book/9780415525305)
 unterschied sie vier Formen digitaler Macht: unmittelbaren Zwang, institutionelle, strukturelle und produktive Macht – Letztere „Die Macht über Bedeutungen. Was gilt als Bedrohung?“. Standards sind institutionelle Macht in Reinform, „Kontrolle über jene Institutionen, die den Raum regeln“: Niemand zwingt jemanden, aber die Regeln, unter denen alle anderen handeln, werden verändert.

Riedels Beispiel: 2019 reichte Huawei bei der [Internationalen Fernmeldeunion (ITU)](https://www.itu.int/en/Pages/default.aspx)
, einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen, einen Vorschlag für eine neue Internet-Architektur ein, [„New IP“](https://www.internetsociety.org/resources/doc/2020/discussion-paper-an-analysis-of-the-new-ip-proposal-to-the-itu-t/)
. Interessant war für sie weniger der Inhalt als der Ort. Internetprotokolle entstehen normalerweise in der [Internet Engineering Task Force (IETF)](https://www.ietf.org/)
, einem offenen Gremium, in dem Ingenieurinnen, Unternehmen und Zivilgesellschaft mitwirken – das sogenannte Multistakeholder-Modell. In der ITU dagegen sind Staaten stimmberechtigt. Die Wahl des Forums, so ihre Pointe, sei die eigentliche Entscheidung gewesen. Die ITU wies den Vorschlag 2022 zurück. In dieselbe Reihe gehört, dass Dänemark 2017 den [weltweit ersten Technologiebotschafter](https://techamb.um.dk/the-techplomacy-approach)
 ernannte – akkreditiert nicht bei einem Staat, sondern bei einer Industrie.

Paaßen kam von der Technik zum selben Punkt. Ein Standard, so seine Definition, ist eine „einheitliche Spezifikation für Eingaben und Ausgaben für ein (Software-)Modul“, die den „einfachen Wechsel zwischen Produkten und Anbietern“ ermöglicht – und Standards „lassen sich politisch regulieren“. Sein bestes Beispiel: Die [Programmierschnittstelle von OpenAI](https://openai.com/api/)
 – die festgelegte Art, wie andere Programme das Modell ansprechen – sei ein unbeabsichtigter Standard geworden, weil Sprachmodelle eine denkbar einfache Schnittstelle haben: Text hinein, Text heraus. Genau deshalb sei es möglich gewesen, OpenAI-Produkte durch chinesische Modelle zu ersetzen, ohne am umgebenden System etwas zu ändern. Normung sei langweilig, räumte er ein – aber Normen könne man in Deutschland. Eine Grafik des Forschungsnetzwerks [AIDARE](https://aidare.org/)
, das er mitinitiiert hat, zerlegte die Frage, wer die KI kontrolliert, entlang einer Lieferkette in neun Stufen von der Datensammlung bis zur Nutzung, jeder ein verantwortlicher Akteur zugeordnet.

Aljoscha Burchardt

Christine Regitz

Am Samstag machte das Diskussionsforum „KI verstehen und nutzen im Sinne von Demokratie und dem Primat der Menschlichkeit“ mit [Aljoscha Burchardt](https://www.linkedin.com/in/aljoschaburchardt/)
 vom DFKI und [Christine Regitz](https://www.linkedin.com/in/christine-regitz/)
 daraus den dichtesten Strang der Tagung – aus dem Publikum heraus. Das europäische Normungssystem, erläuterte eine Wortmeldung, finanziere sich über den Verkauf der Normtexte; nun habe der Europäische Gerichtshof [entschieden](https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/eugh-c58821p-verbraucherschutz-harmonisierte-normen-zugang-din)
, dass verpflichtende Standards nicht hinter einer Bezahlschranke stehen dürfen. Die Frage steht im Raum: Wer bezahlt die Normungsarbeit, wenn die Gesellschaft sie nicht finanziert? Eine zweite Stimme brachte den Vorwurf auf den Punkt: In Deutschland werde Standardisierung nicht als Machtinstrument verstanden – sonst überließe man sie nicht den Firmen, die groß genug sind, Leute dafür abzustellen. Eine dritte widersprach der Hoffnung auf eine Lücke: Der Raum sei gefüllt – mit Geld und Macht aus den USA, während China über seinen Binnenmarkt durchsetze, was es für richtig hält. Der Strang wurde in die Mittagspause vertagt; unbeantwortet blieb die Nachfrage, wer denn dieses Wir sei, das es dann selbst machen soll.

Dass dieselbe Einsicht aus der politischen Analyse, der Informatik und dem Publikum kam, macht sie für mich zum haltbarsten Ergebnis der Tagung – und zum einzigen Feld, auf dem jemand sagte: Das können wir.

#### 6. Der Staat: Standortfaktor oder Wertträger?

Jens-Rainer Jänig

Der Samstag begann mit Sprache. [Jens-Rainer Jänig](https://www.linkedin.com/in/jens-rainer-jaenig/)
, Gründer der Berliner Markenagentur [mc-quadrat](https://www.mc-quadrat.com/)
 und Vorstand der [Initiative D21 e. V.](https://www.linkedin.com/company/initiatived21/)
, lieferte mit „Macht der Sprache“ die Ausführung zu Riedels vierter Machtform, der Macht über Bedeutungen. Auf einer seiner Folien stand: „Begriffe sind Machtinstrumente, weil sie Wirklichkeit (und Zukunft) sortieren. Wer Begriffe setzt, setzt Deutungsrahmen. Wer die Begriffe setzt, gestaltet die Transformation.“ Fehlen in der Frühphase einer Transformation die gemeinsamen Worte – die Psychologie nennt das [Hypokognition](https://journals.sagepub.com/doi/10.1037/gpr0000126)
 –, besetze ein vertrautes Konzept die Lücke und werde „über seine tatsächliche Erklärungskraft hinaus ausgedehnt“: Hyperkognition.

Martin Wimmer

Eine Dreiviertelstunde später lieferte [Martin Wimmer](https://www.linkedin.com/in/martin-wimmer/)
, Chief Digital Officer im [Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)](https://www.bmz-digital.global/)
, ein Anwendungsbeispiel. Er sprach frei, ohne Folien, in acht Thesen. Staatsmodernisierung, so eine davon, sei im öffentlichen Diskurs oft ein populistisch gebrauchter Begriff, mit dem eigentlich Deregulierung gemeint sei – Abbau von Sozial- und Rechtsstaat, von Arbeits-, Klima- und Datenschutzstandards. Entpolitisierung bedeute hier häufig Entdemokratisierung.

Damit stand er in einem Gegensatz, der nie ausgetragen wurde, weil die Beteiligten an verschiedenen Tagen sprachen. Hess hatte den Staat aus Wirtschaftssicht behandelt, mit drei Sätzen auf einer Folie: Regulierung „schützt berechtigte Interessen“, „erzeugt gerade für kleinere Unternehmen erhebliche Lasten“; „Die Digitalisierung der Verwaltung wurde lange verschlafen“; „Digitale Verwaltung ist ein Standortfaktor“.

Wimmer widersprach dieser Verengung grundsätzlich. Er wies die Erzählung vom digitalpolitisch handlungsunfähigen Staat zurück, erklärte weder ein anderes Land noch die Wirtschaft zum Vorbild und hielt die Vorstellung, Handlungsfähigkeit entstehe durch Abwicklung des Staates, für einen groben Irrtum. Digitale Transformation sei keine Frage von Infrastruktur oder Software, sondern des gesellschaftlichen Zusammenhalts; die Antwort auf schwache Steuerungsfähigkeit laute nicht weniger, sondern mehr Politik – bessere, gerechtere, mit konkreterer Gesetzgebung und härterer Regulierung. Die Bedrohung sah er nicht in schlechter Verwaltungssoftware, sondern in hochpolitisierten Technologiekonzernen. Die ökonomische Bedeutung bestritt er nicht: Er verwies auf eine [Studie des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW)](https://www.bvdw.org/news-und-publikationen/die-vermessung-der-digitalen-wirtschaft/)
, erschienen am Tag vor der Tagung – 481,5 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung der deutschen Digitalwirtschaft, 11,91 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung. Er zog nur andere Schlüsse.

Hier liegt, so lese ich es, der eigentliche politische Gegensatz der Tagung – Staat als Standortfaktor gegen Staat als Wertträger. In Wimmers Diskussion kam der Einwand, das Problem sei nicht Zentralisierung, sondern Chaos – je Ressort eine Digitalpolitik, je Rathaus eine Softwarefirma –, und Dezentralisierung nach dem Vorbild des Internets funktioniere über Standards. Der Einwand zielt genau zwischen beide Positionen und blieb unbeantwortet. Eine andere Wortmeldung fragte, wer hier eigentlich die Macht über die Sprache habe. Die Frage schloss den Kreis zum Morgen.

#### 7. Was offen blieb

Eine Tagung, die nur Übereinstimmung produziert, hat ihr Thema verfehlt. Diese produzierte mehrere Kontroversen, von denen keine aufgelöst wurde – die ehrlichste am Ende des Diskussionsforums. Parallel dazu lief der Workshop „Orientierung in der Schule“ mit [Elena Spörer](https://www.linkedin.com/in/elena-sp%C3%B6rer-9760b8300/)
 und [Angelina Voggenreiter](https://www.linkedin.com/in/angelina-voggenreiter-b48b0219a/)
 von der Technischen Universität München, den ich nicht besucht habe; ich war im Forum.

Zuvor hatte das Forum die Teilhabefrage gestellt, mit einer Zahl, die trägt: Nach [Eurostat](https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=Skills_for_the_digital_age)
 verfügten 2025 nur 60 Prozent der 16- bis 74-Jährigen in der EU über grundlegende digitale Kompetenzen, bei den 65- bis 74-Jährigen 33 Prozent. Als kompetent gilt dabei, wer mindestens eine von fünf Tätigkeiten ausführen kann – online suchen, E-Mails senden, Inhalte erstellen, Daten schützen, Software installieren. Im Forum wurde eingewandt, das messe berichtetes Verhalten, nicht Können. Der Einwand trifft. Als Gegenmodell wurde der britische [Minimum Digital Living Standard](https://mdls.org.uk/)
 genannt, erarbeitet mit Bürgerinnen und Bürgern, mit vier Säulen: Zugang, Geräte, Kompetenzen und ein soziales Unterstützungsnetzwerk.

Überhaupt zerfiel die Kompetenzfrage in drei, die man leicht für eine hält: Paaßen meinte digitale Autonomie, also Unabhängigkeit von Anbietern; Schuller meinte Metakognition, das Nachdenken über das eigene Denken, weil Sprachmodelle kognitive Verzerrungen verstärken können – eine ihrer Folien fragte: „Die Nutzung ist da. Die Begleitung fehlt noch. Ist Metakognition der Schlüssel?“ –; das Forum meinte Teilhabe für jene, die nicht mitkommen. Drei Adressaten, drei Aufgaben.

Die Schlusskontroverse drehte sich um die Frage, von welchem Ziel her überhaupt gedacht werden soll. Drei Positionen trafen aufeinander. Erstens: Es fehle das gesellschaftliche Zielbild – erst der Diskurs, dann die Regeln. Zweitens: Das Ziel sei seit dreißig Jahren klar – mehr Demokratie, mehr Teilhabe, europäische Werte –, es fehle an Umsetzung, weil niemand Verantwortung übernehme; der Zustand heiße organisierte Verantwortungslosigkeit, und Maschinen übernähmen keine Verantwortung. Drittens: Ein gemeinsames Ziel gebe es gar nicht, Dissens sei der Normalfall der Politik; der Fehler liege darin, Probleme digitalisieren zu wollen, statt staatliche Eingriffe zu reduzieren – erst überlegen, was man tun will, dann es richtig tun, dann digitalisieren.

Die drei Positionen sind unvereinbar und wurden nicht aufgelöst; die Diskussion endete, weil die Zeit ablief, nicht weil eine Seite überzeugte. Das ist, finde ich, das ehrlichste Ergebnis der Tagung. Wenn sich nicht einmal ein fachkundiger Kreis einig wird, ob ein gemeinsames Ziel fehlt oder nur dessen Umsetzung, ist die Diagnose Machtverschiebung leichter zu stellen als jede Therapie.

#### 8. Die Frage hat sich verschoben

Riedels Schlussfolie trägt nur eine Zeile: „Wer ordnet – und nach welchen Maßstäben?“ Sie hätte über der ganzen Tagung stehen können.

Ihr Argument dazu: Die übliche Frage – was macht die Technik mit uns? – setze voraus, dass die Richtung der Entwicklung im Wesen der Technik liege, als Schicksal. Genau das bestritt sie mit Verweis auf einen Ökonomen: Die Richtung technologischer Entwicklung sei nicht vorherbestimmt, sondern das Ergebnis von Entscheidungen – über Forschungsförderung, über Regulierung, über die Normen der Entwickler, über gesellschaftliche Aufsicht. Auch bewusstes Nicht-Handeln aus wirtschaftlichem Interesse sei eine Entscheidung. Das entlaste nicht, es fordere: Wenn nichts determiniert ist, ist alles, was geschieht, auch verantwortet.

Das ist, scheint mir, der Perspektivwechsel, den die Beiträge über alle Unterschiede hinweg teilten. Der Wirtschaftsinformatiker, der auf die Produktivität in der Fläche zeigte; der Informatiker, der erklärte, warum ein Würfel keine Anweisung versteht; die Digitalpolitik-Expertin, die die Wahl des Forums als eigentliche Entscheidung erkannte; der Chief Digital Officer, der mehr Politik verlangte; der Kommunikator, der Begriffe zum Machtmittel erklärte; die Wirtschaftsinformatikerin, die Metakognition zur Kernkompetenz machte; und ein Forum, das an der Zielfrage scheiterte – sie alle fragten nicht, was auf uns zukommt, sondern wer ordnet.

Dass sich die Tagung zum Schluss von einer Maschine zusammenfassen ließ, ist vor diesem Hintergrund keine Anekdote. Es ist die Frage der Schlussfolie, gestellt an das Format selbst.

Vielen Dank an alle Organisatoren, Sprecher und aktiven Teilgeber:innen! Der Austausch war (wie immer) sehr befruchtend, auf einem hohen fachlichen Niveau und in einer superschönen Atmosphäre am Starnberger See. Dort hinzukommen lohnt sich immer wieder!

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*Dieser Bericht beruht auf eigenen Aufzeichnungen & Fotos von beiden Tagungstagen und ist mit KI-Unterstützung entstanden. Alle Verantwortung für Fehler oder falsch verstandene Aussagen liegt beim Autor.*

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*Dieser Beitrag ist am 20. September 2026 auch auf [LinkedIn](https://www.linkedin.com/pulse/wer-ordnet-und-nach-welchen-ma%C3%9Fst%C3%A4ben-zwei-tage-tutzing-m%C3%BCller-ylmnf/)
 erschienen.*

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