Ein ausführlicher Konferenzbericht
Am 11. und 12. März 2026 fand in Paderborn die Konferenz Souverän.Digital.Sozial (SDS) statt – organisiert vom FINSOZ e. V. und unterstützt von engagierten Partnern aus der Sozialwirtschaft, unter anderem auch vom Caritas-Netzwerk IT e. V., der IT-Branche und darüber hinaus. Mehr als 130 Teilnehmende kamen zusammen, um eine Frage zu stellen, die uns alle betrifft: Wem gehört eigentlich unsere digitale Welt?
Was mich persönlich am meisten beeindruckt hat: So viele Menschen und Organisationen haben sich auf den Weg gemacht, über Digitale Souveränität nachzudenken und sich auszutauschen. Das kann der Auftakt für eine wirkliche Bewegung sein – auch und gerade in der Sozialwirtschaft!
Alle Informationen zur Konferenz findet ihr hier: https://finsoz-akademie.de/veranstaltungen/souveraendigitalsozial-konferenz
Der Vorabend: Vernetzung und erste Impulse bei Connext Communication
Am Abend des 11. März lud Jörg Kesselmeier – Gründer und Geschäftsführer der Connext Communication GmbH – zum Empfang in die Räume des Hotel Vivendi in Paderborn ein. Ein wunderbarer, großer Raum, in dem man viele Leute zum ersten Mal live traf, sehr gute und lange Gespräche führte und zahlreiche neue Kontakte knüpfte. Genau das war auch ein zentrales Ziel der Konferenz: die Vernetzung von Menschen, die sich für Digitale Souveränität interessieren.

Jörg Kesselmeier: “Geschenke und Überraschungen auf dem Weg zur Souveränität”
Jörg Kesselmeier berichtete aus der Perspektive eines Softwareherstellers, der den Weg zur Digitalen Souveränität konsequent gegangen ist. Sein zentrales Bild: Souveränität bringt “Geschenke” mit sich – man tut es nicht nur der Unabhängigkeit wegen, sondern erntet handfeste Vorteile.


Was bedeutet Digitale Souveränität für Connext?
- Die Freiheit, IT-Betriebsmodelle (On-Premise, Cloud, hybrid) wählen und wechseln zu können – mit vertretbarem Aufwand
- Linux, Kubernetes und Open-Source-Komponenten als Fundament: Proxmox für Virtualisierung, Ceph als Speicherlösung, KeyCloak für Identity Management
- Cloud-agnostische Dienste, die Vendor-Lock-in vermeiden: “Ich kann das Ding bei Azure, bei Google, bei Boris [Meretzki/STACKIT] oder zu Hause betreiben”
Der Weg von Connext: Die Fachsoftware Vivendi wurde konsequent modernisiert – der Applikationsserver läuft auf.NET Core (ja, von Microsoft, aber Open Source), modularisiert in rund 30 Microservices, lauffähig unter Linux, macOS und in Kubernetes-Containern. Die Datenbank wurde auf PostgreSQL umgestellt – “ein skalierbares, sehr robustes Open-Source-Datenbanksystem”. Für die Kommunikation setzt Connext auf Matrix/Element statt Microsoft Teams, mit echten Föderationsmechanismen zwischen verschiedenen Instanzen.
Besonders bemerkenswert: Bei den KI-Komponenten können Anwender selbst wählen, welches Large Language Model (LLM) zum Einsatz kommt und wo es gehostet wird – bei Connext selbst, bei STACKIT, bei OpenAI oder in Azure.
Und die konkreten Zahlen sprechen für sich: Allein 90.000 Euro monatlich an Microsoft-Lizenzkosten werden eingespart.
Jörg schloss mit dem Satz, der den ganzen Abend prägte: “Nur für die Souveränität allein würde man es vielleicht aus wirtschaftlichen Erwägungen nicht tun – aber insgesamt macht es sehr viel Sinn”. Die Souveränität ist das Geschenk, die Kirsche auf der Sahnetorte, die man obendrauf bekommt.
Tag 2: Die Konferenz
Begrüßung: “Meine Reise mit dem Wohnwagen” – Henning Golldack
Henning Golldack vom FINSOZ e. V. und der Norddeutsche Gesellschaft für Diakonie eröffnete den Konferenztag mit seiner inzwischen bekannten Wohnwagen-Metapher. Über fünf Episoden einer “Netflix-Serie” zur Digitalen Souveränität hatte er in den Monaten zuvor seine fiktive Figur “Dave” begleitet – einen ganz normalen IT-Leiter, der sich die Frage stellt, ob er souveräne Lösungen in seinem Stack haben möchte.

Die Pointe zum Schluss: “Dave existiert gar nicht.” Dave ist jeder von uns, der anfängt, über Freiheit, Selbstbestimmung und Verantwortung in der IT nachzudenken. Und genau das taten die mehr als 130 Menschen im Raum.
Henning strukturierte die IT-Architektur anschaulich als “Haus”:
- Das Fundament – Infrastruktur (Strom, Wasser, Türschloss): Kubernetes, Container, Grundsysteme
- Die digitale Küche – Plattformdienste: E-Mail, Chat, Kommunikation
- Die maßgeschneiderten Räume – Fachsoftware (das, womit 90% der Mitarbeitenden 90% ihrer Zeit arbeiten)
- Das Dach – Governance: Regeln, Verantwortung, Kontrollmechanismen
- Der Tresor – Daten: “Im besten Fall sind es Lebensgeschichten von Menschen. Hochschützenswert.”

Sein besonderer Dank galt Boris Meretzki als einem derjenigen, die von Anfang an an die Idee geglaubt haben, diese “Serie zu produzieren”.
Eine zentrale Erkenntnis: Digitale Souveränität hat nicht primär etwas mit Technologie zu tun – sie hat primär etwas mit Menschen zu tun. Menschen, die Verantwortung übernehmen und sich die Zeit nehmen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Keynote: “Open Source – der Schlüssel zur digitalen Souveränität in der Sozialwirtschaft” – Benjamin Kolbe
Benjamin Kolbe, Geschäftsführer der Viakom GmbH und aktiv in der Open Source Business Alliance – Bundesverband für digitale Souveränität e.V. (OSBA), lieferte einen umfassenden Überblick über den Stand von Open Source und seine Bedeutung für die Digitale Souveränität.
Die politische Dimension:
- Das Phoenix-Projekt / OpenDesk / Zentrum Digitale Souveränität (ZenDiS) als Alternative zur Microsoft-Suite
- Frankreichs CEO-Aussage unter Eid: Selbst in europäischen Rechenzentren kann über den Cloud Act auf Daten zugegriffen werden – “egal, was in den Verträgen steht”
- Der Internationale Strafgerichtshof, dem US-Dienste (M365, PayPal, …) gesperrt wurden
- EU-weite Initiativen für “Open Source First” in der Gesetzgebung
Open Source ist Enterprise-ready: Benjamin betonte nachdrücklich: “Open Source heißt nicht Basteln.” Hinter vielen Open-Source-Produkten stehen professionelle Unternehmen mit Support-Verträgen und SLAs. Der Unterschied: Man kauft keine Nutzungslizenz, sondern ein Support-Abkommen.
Das Vorbild Schleswig-Holstein:
- Komplett-Umstellung auf LibreOffice (Microsoft-Format-Dokumente werden intern abgelehnt)
- Linux als Arbeitsplatz-Betriebssystem
- Open Exchange für 44.000 Postfächer
- Matrix für Ende-zu-Ende-verschlüsselte Kommunikation
- Open-Source-Telefonanlage auf Asterisk/Kamailio-Basis in Entwicklung
Sein Aufruf an die Sozialwirtschaft: “Bildet Gruppen, startet gemeinsame Open-Source-Projekte! Einer zahlt die eine Hälfte, der nächste die andere. Public Money, Public Code – einer bezahlt, alle können es nutzen.” Ein Prinzip, das gerade für die Sozialwirtschaft enormes Potenzial birgt. Gerade weil wir überwiegend öffentlich finanziert sind.

Podiumsdiskussion: “Was bedeutet Souveränität für uns?”
Die von Thomas Althammer (Althammer & Kill GmbH & Co. KG) moderierte Fishbowl-Diskussion brachte vier sehr unterschiedliche Perspektiven zusammen:

Karen Paul, Greenpeace e. V. – Die Teilnahme von Greenpeace war für mich ein besonderes Highlight. Sie zeigt, dass Digitale Souveränität kein Nischenthema der Sozialwirtschaft ist, sondern branchenübergreifend relevant. Karen Paul berichtete, dass Greenpeace als internationale Zivilorganisation unmittelbar von den demokratischen Grundwerten abhängig ist und die Gefahr des “Abschneidens” durch US-Dienste sehr konkret spürt. Greenpeace hat bereits begonnen, “die Abhängigkeit von Big Tech abzubauen und resilienter zu werden”.
Henning Golldack, Norddeutsche Gesellschaft für Diakonie – brachte die Perspektive des Praktikers ein: “Wenn es nie einer investiert, wird es auch nicht besser.” Er berichtete von der positiven Erfahrung, dass bei der Vorstellung des Souveränitätsprojekts vor Einrichtungsleitungen zum ersten Mal kein Widerspruch kam – der politische Rahmen stimmt.
Jörg Kesselmeier, Connext Communication GmbH – argumentierte pragmatisch: “Fangt mit der Infrastruktur an! Datenbank von Microsoft SQL Server auf PostgreSQL umstellen, Virtualisierung von VMware auf Proxmox – das spart Geld und bringt modernere Technologie. Welches Office-Paket jemand benutzt, ist zweitrangig.”
Frank Reimer, Diakonie Nord Nord Ost – brachte die wichtige Gegenperspektive ein: Wirtschaftlichkeit, Risikobetrachtung und die Realität, dass man als Vorreiter auch Abhängigkeiten hat, wenn Partner noch nicht mitziehen. Ein valider Punkt, der die Diskussion erdet.
Die Schlüsselerkenntnisse der Diskussion:
- Die 80/20-Regel bei Office: Mehrere Teilnehmende bestätigten unabhängig voneinander: 80-90% der Nutzer verwenden nur einen Bruchteil der Office-Funktionen. Ein Beitragender berichtete, dass nach dem Abschalten von Makros bei 6.000 Mitarbeitenden nur 20-30 sich meldeten. Jörg Kesselmeier ergänzte: “Wir haben vor zwei Jahren Makros abgeschaltet – bei einem IT-Unternehmen mit über 400 Leuten. Vermisst keiner.”
- Microsoft-Ausfälle vs. Open-Source-Ausfälle: Ein Teilnehmer brachte den Doppelstandard auf den Punkt: “Wenn Microsoft ausfällt, heißt es: Das ist ja Microsoft, da können wir nichts machen. Wenn eine Open-Source-Lösung ausfällt, ist direkt die Presse da.”
- Mut und Durchhaltevermögen: Der politische Wille, der Wille der Geschäftsführung und das Durchhalten in schwierigen Phasen sind entscheidend. Oder wie ein Teilnehmer formulierte: “Machen ist wie drüber nachdenken, nur geiler.”
Leider konnte ich nicht alle Workshops gleichzeitig besuchen, deswegen kann nich nur von zwei der vielen Workshops berichten.
Workshop: “Erfahrungsbericht eines POC zur Erprobung von Open-Source- und souveränen Lösungen der NGD”
Henning Golldack (Norddeutsche Gesellschaft für Diakonie) und Benjamin Kolbe (Viakom GmbH) gaben einen ehrlichen, detaillierten Einblick in ihren laufenden Proof of Concept (POC).
Die Ausgangsfrage: Was brauchen Mitarbeitende in einem Sozialunternehmen wirklich?
- E-Mail, Kalender und Aufgabenverwaltung
- Chat (etwas, das “wie WhatsApp funktioniert” – datenschutzkonform)
- KI-Assistent (inzwischen auf Platz 2 der Wünsche!)
- Fachsoftware (Connext Vivendi und andere)
- Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentation – aber auf einfachem Niveau
- Dateiablage
Die Lösung: CloudDesk von Viakom – basierend auf den gleichen Open-Source-Komponenten wie OpenDesk (ZenDiS), aber verfügbar für die freie Wirtschaft:
- Nextcloud für Dateispeicherung
- Open Exchange (OX) für E-Mail und Kalender
- Collabora Online für Office im Browser
- Element/Matrix für Chat und Videokonferenzen
- XWiki für Dokumentation
- OpenProject als Jira-Alternative
- KeyCloak für Identity und Access Management
Der ehrliche Erfahrungsbericht:
Was toll funktioniert:
- “Jemand, der in der Lage ist, Amazon aufzurufen, ist schon überqualifiziert” – so einfach ist die Oberfläche
- Kollaboratives Arbeiten an Dokumenten im Browser: “Wenn man den Leuten gleichzeitig Formatvorlagen beibringt, sagen die: Krass, was man jetzt machen kann! Das ging mit Word nicht!”
- Die Windows-Fileshares können in Nextcloud eingebettet werden – ein sanfter Übergang
- Ein Startpunkt im Browser, eine Anmeldung, möglichst Multifaktor – fertig
Was herausfordernd ist:
- Exchange-Migration: Serientermine, HTML-Formatierung in Kalendereinträgen, unterschiedliche Speicherformate
- Security: Kubernetes bringt ein komplett neues Netzwerkparadigma mit. “Ist Kubernetes sicher? Da werden wir wahrscheinlich Jahre brauchen, den Skill aufzubauen.”
- Personalentwicklung: “Besetzen wir jetzt den Windows-Admin nach oder eher einen Kubernetes-Admin?”
- Zeitbedarf: “Wir sind nicht mehr im Zeitplan. Wir wollten im Dezember da sein, wo wir jetzt sind.”
Das ehrliche Fazit von Henning: “Das Ziel ist absolut richtig, der Weg ist keine fertige Autobahn. Ich würde es wieder so tun. Ich würde wahrscheinlich vorher etwas mehr mit den Applikationen testen und weniger mit der Infrastruktur anfangen.”
Dieses Fazit ist extrem wertvoll für alle, die einen ähnlichen Weg erwägen. Es zeigt: Es geht. Es ist nicht trivial. Aber es lohnt sich.
Keynote: “Verantwortung statt Abkürzung: ELOKI und der Weg digitaler Souveränität mit KI in der evangelischen Kirche” – Max Niessner
Max Niessner, Oberkirchenrat für Theologie und Ethik im digitalen Wandel an der Stabsstelle Digitalisierung der Evangelische Kirche in Deutschland, brachte eine erfrischend andere Perspektive ein: die eines Pfarrers, der sich mit KI-Strategie beschäftigt.

Drei Haltungen gegenüber KI in der Kirche:
- Ablehnung: “Alles, was nach deinem 35. Lebensjahr erfunden wird, richtet sich gegen die natürliche Ordnung der Dinge.” – In einer Organisation mit entsprechendem Altersschnitt eine reale Herausforderung.
- Euphorie/Abkürzung: “Super, KI macht alles besser!” – Gefährlich, weil es einem Heilsversprechen hinterherjagt. “Die Bibel ist da recht klar: Es gibt nur ein Heilsversprechen.”
- Verantwortung: Der richtige Weg – reflektiert, sorgfältig, aber entschlossen.
Was ist ELOKI? Eine KI-Plattform für alle, die “irgendwie Kirche machen” – vom 87-jährigen Presbyter mit einer Stunde Aufwand pro Woche bis zur Vollzeit-Verwaltungskraft.
Die technische Umsetzung – komplett souverän:
- Open-WebUI als Chat-Oberfläche
- LiteLLM, ChromaDB, PostgreSQL
- KeyCloak für Identity Management
- Gehostet im Kirchlichen Rechenzentrum Südwestdeutschland in Karlsruhe
- STACKIT als KI-Modell-Lieferant – nur Inferencing, keine Datenspeicherung
- Ausschließlich Open-Source-KI-Modelle
Der Querbezug zu STACKIT ist hier besonders spannend: Boris Meretzki und sein Team waren von Anfang an Partner der EKD bei ELOKI. Die souveräne Infrastruktur von STACKIT ermöglicht es, dass kirchliche Daten – hochsensibel, von Seelsorge bis Meldedaten – wirklich unter kirchlicher Kontrolle bleiben.
Das einzigartige Kostenmodell: Kein User-basiertes Pricing (das bei potenziell zehntausenden ehrenamtlichen Nutzern unbezahlbar wäre), sondern ein Fixpreis pro Institution plus nutzungsbasierte Abrechnung per Token. Genial einfach.
Die wichtigste Botschaft: “Es geht nicht nur um die Verantwortung für das, was wir tun – sondern auch um die Verantwortung für das, was wir NICHT tun.” Cost of Delay, Dinge nicht anzugehen, ist gefährlich. Die Leute gehen sonst zu unkontrollierten Tools.
Auch hier zeigt sich: Wenn man KI souverän und verantwortungsvoll einführen will, ist der Querbezug zu Open-Source-Infrastruktur und europäischen Anbietern wie STACKIT essenziell.
Workshop: “Souveränität als Konzept am Beispiel der Unternehmen der Schwarz Gruppe” – Boris Meretzki
Boris Meretzki von STACKIT (Schwarz Digits) lieferte den vielleicht augenöffnendsten Vortrag der Konferenz. Denn hier ging es nicht (nur) um IT – sondern um Souveränität als umfassendes Unternehmenskonzept.
Die Schwarz Gruppe in Zahlen: 175 Milliarden Euro Umsatz, knapp 600.000 Mitarbeitende, davon 200.000 in Deutschland. Und eine Mission: “Voraushandeln.”
Souveränität durchdringt ALLES:
Boris zeigte eindrucksvoll, wie die Schwarz Gruppe Souveränität in jedem Bereich lebt:
- Eigene Produktion: Wenn der Wasserlieferant für Saskia-Wasser pleitegeht, kauft man den Laden und produziert weiter
- Eigene Reederei (Tailwind): Gegründet 2022, Schiffe werden “Panda” getauft – um Lieferketten und Transportkosten zu kontrollieren
- Eigene Energieerzeugung: Solar auf Filialdächern und Produktionsstandorten. Beim großen Stromausfall in Spanien waren die Lidl-Filialen die einzigen Supermärkte, die weiter geöffnet hatten
- Eigener Zahlungsdienstleister (Lidl Pay/BlueCode): Unabhängigkeit von Visa/Mastercard
- Eigene elektronische Preisschilder: Statt Abhängigkeit von Zulieferern
- Eigene Immobilien: Einer der größten Immobilienbesitzer Deutschlands
- PreZero für Recycling: Wertstoffkreisläufe schließen, bis hin zu Kunststoff-Paletten aus recycelten Flaschen und Lithium-Ionen-Batterie-Recycling
- XM Cyber (Übernahme): Als der größte Kunde von diesem israelischen Security-Unternehmen von einer US-Übernahme bedroht war, kaufte die Schwarz Gruppe es selbst
Der Google-Deal – die wahre Geschichte:
Boris räumte mit Missverständnissen auf: Microsoft hatte der Schwarz Gruppe als Europas größtem Microsoft-Kunden (1 Milliarde Euro/Jahr) eine 10%-Preiserhöhung aufgedrückt – “or else”. Die Antwort: “Or else.”
Man evaluierte Alternativen, stellte fest, dass OpenDesk für 600.000 Nutzer noch nicht reif genug war, und schloss mit Google einen weltweit einzigartigen Deal:
- Key-verschlüsselte Google-Infrastruktur auf deutschen Servern
- Die Google-Infrastruktur wurde nach Heilbronn gespiegelt – im Open-Doc-Format
- Sollte Google jemals den Hahn zudrehen: 48 Stunden bis zur Wiederherstellung im Open-Source-Format
Die Migration: 600.000 User in 5 Monaten und 15 Tagen. Weltweit. Komplett.
STACKIT als europäischer Hyperscaler:
- Drei Rechenzentren in/um Heilbronn, eines in Österreich, eines geplant in Hamburg
- 11 Milliarden Euro Investition in Lübbenau (Deutschlands größter RZ-Neubau, 200 MW, Betriebsbeginn Ende 2027)
- Connext Vivendi wird ab sofort aus der STACKIT-Cloud angeboten
- Europäische Expansion: Kooperation mit Swisscom, OVH und weiteren
- Keine Ingress-/Egress-Kosten – Projekte sind dadurch viel besser planbar
- IPAI (Innovation Park AI) in Heilbronn: KI-Ökosystem für Deutschland, in Kooperation mit Bosch-Stiftung, Land Baden-Württemberg u.v.m.
Die entscheidende Frage, die Boris stellte: “Wenn ein Supermarkt das tut – müssten dann nicht Organisationen, die mit Menschen und mit Lebensgeschichten arbeiten, das erst recht tun?”
Diese Frage hallt nach. Und sie verbindet sich direkt mit dem, was Henning Golldack über die Daten in der Sozialwirtschaft sagte: Es sind Biografien, Lebensgeschichten. Hochschützenswert.
Verabschiedung und Ausblick
In der Abschlussrunde fassten die Workshop-Leiter ihre Erkenntnisse zusammen. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir das Zitat aus der Datenschutz-Runde von Johannes Mönter (CURACON GmbH) “Machen ist wie drüber nachdenken, nur geiler.”
Die Frage nach einer “Season 2” der Konferenz steht im Raum – und ich hoffe sehr, dass sie kommt.
Die Querbezüge – was diese Konferenz besonders machte
Was die SDS-Konferenz von anderen Veranstaltungen unterschied, waren die vielen inhaltlichen Verbindungen zwischen den Vorträgen:
Fachsoftware als Schlüssel: Sowohl Jörg Kesselmeier (Connext) als auch Henning Golldack betonten: Die Fachsoftware ist das, womit Menschen täglich arbeiten. Wenn die nicht mitmacht, scheitert jede Souveränitätsstrategie. Dass Connext Vivendi konsequent auf Kubernetes, Linux und PostgreSQL umgestellt hat, ist daher nicht nur eine technische Entscheidung – es ist ein Enabler für die gesamte Branche. Und dass Vivendi künftig aus der STACKIT-Cloud angeboten wird, schließt den Kreis.
Kubernetes als gemeinsame Sprache: Von Henning Golldacks Wohnwagen-Metapher über Benjamin Kolbes Open-Source-Stack bis zu Boris Meretzkis STACKIT-Infrastruktur – Kubernetes war das verbindende technische Element. Wer diese “Sprache” lernt, kann seine Workloads überall betreiben.
Daten als Lebensgeschichten: Henning Golldack, Max Niessner und Karen Paul betonten alle aus unterschiedlicher Perspektive: Die Daten, mit denen wir arbeiten, sind hochsensibel. Kirchliche Seelsorgedaten, Biografien von Klienten, Kampagneninformationen von Greenpeace – sie verdienen den bestmöglichen Schutz. Und der beginnt damit, zu wissen, wo sie liegen und wer Zugriff hat.
Die 80/20-Erkenntnis: Quer durch die Konferenz kam immer wieder: Die allermeisten Nutzer brauchen nur einen Bruchteil der Funktionalität, die M365 bietet. Das senkt die Hürde für den Umstieg enorm.
Von Greenpeace lernen: Dass Karen Paul von Greenpeace e. V. Teil der Podiumsdiskussion war, empfand ich als besonders bereichernd. Greenpeace operiert in Ländern, wo politische Akteure ihnen nicht wohlgesonnen sind. Die Bedrohung durch das Abschalten von US-Diensten ist dort keine theoretische Überlegung, sondern gelebte Realität. Dieses branchenübergreifende Signal war wichtig: Digitale Souveränität ist kein Nischenthema.
Mein persönliches Fazit
Auf dieser Konferenz wurde für mich eine Botschaft zum roten Faden, die ich als Leitfrage für jede zukünftige IT-Entscheidung mitnehme:
Für jede neue Entscheidung muss immer einfließen: Gibt es eine Option für eine zumindest etwas bessere Lösung, die ein wenig mehr auf die Digitale Souveränität und Resilienz einzahlt?
Es geht nicht um den großen, radikalen Umbruch über Nacht. Es geht um die vielen kleinen Entscheidungen: PostgreSQL statt Microsoft SQL Server. Proxmox statt VMware. Eine Nextcloud parallel zum bestehenden Fileserver. Ein KI-Tool, bei dem ich weiß, wo meine Daten liegen.
Jeder einzelne Schritt zählt. Und wie Boris Meretzki eindrucksvoll gezeigt hat: Wenn ein Supermarkt-Konzern das konsequent durchzieht – in allen Bereichen, von der Palette bis zum Payment – dann können wir in der Sozialwirtschaft das mindestens genauso gut.
Dank
Mein herzlicher Dank gilt:
- Boris Meretzki und Thomas Althammer als Initialzündung für die Idee, gemeinsam mehr zu erreichen
- Henning Golldack in seiner beeindruckenden Doppelrolle als FINSOZ-Moderator und Praktiker bei der NGD – du hast uns alle auf diese Reise mitgenommen
- Dem FINSOZ e. V. und dem gesamten Organisationsteam – Nele Stock , Katja Boguslawski und alle anderen – für die großartige Organisation und das Vorantreiben dieses so wichtigen Themas
- Jörg Kesselmeier und der Connext Communication GmbH GmbH als Gastgeber des Vorabendempfangs, als Raum- und Essenssponsor und als leuchtendes Beispiel, dass ein Softwarehersteller Souveränität wirklich leben kann
- Allen Referentinnen und Referenten: Benjamin Kolbe, Karen Paul, Frank Reimer, Max Niessner, Johannes Mönter, Boris Meretzki und die ganzen anderen Workshop-Leiter, die ich nicht alle sehen konnte
- Allen Sponsoren: STACKIT/Schwarz Digits, Althammer & Kill , Wirtschaftsgesellschaft der Kirchen in Deutschland mbH (WGKD) , CURACON GmbH
- Und vor allem: Allen 130+ Teilnehmenden, die ihre Zeit investiert haben, um gemeinsam über Digitale Souveränität nachzudenken
Ihr alle seid Dave.

Dieser Beitrag ist am 15. März 2026 auch auf LinkedIn erschienen.