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Lernen von denen, die sich vorbereitet haben bzw. mussten – Resilienz ist machbar

13. November 2025 · Gerhard Müller

Beim IKT-Ausschuss des DIHK wurde von Björn Stahlhut in einem extrem spannenden Vortrag ein Dokument zitiert – “Sweden’s Civil Defence: Lessons from Ukraine”, Link: https://rib.msb.se/filer/pdf/30951.pdf Hier eine etwas ausführlichere Analyse / Zusammenfassung:

Der Bericht analysiert, was Schweden für den Ausbau seines Zivilschutzes aus dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine lernen kann. Er ist als Ergänzung zu schwedischen Verteidigungs- und Zivilschutzkonzepten gedacht und gliedert sich entlang der Ziele des schwedischen Zivilschutzes.

1. Hintergrund und Ziele

Der Bericht der schwedischen Zivilschutzbehörde MSB:

  • betrachtet Erfahrungen aus der Ukraine seit 2014, mit Schwerpunkt auf den vollumfänglichen Angriff ab 2022;
  • zieht daraus Lehren für Schwedens zivile Verteidigung und teilweise auch für EU, NATO und andere Staaten;
  • ergänzt frühere schwedische Berichte („Framåtanda“, „Kraftsamling“) und soll in ein laufendes Lern‑ und Anpassungsprogramm einfließen.

Die fünf offiziellen Ziele des schwedischen Zivilschutzes, nach denen der Bericht strukturiert ist:

  1. Schutz der Zivilbevölkerung
  2. Sicherung der wichtigsten gesellschaftlichen Funktionen und Versorgung
  3. Beitrag zur militärischen Verteidigungsfähigkeit
  4. Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Resilienz und des Verteidigungswillens
  5. Nutzung eigener Ressourcen für internationale, friedensfördernde und humanitäre Einsätze

2. Schutz der Zivilbevölkerung

2.1 Evakuierung, Schutzräume und „Points of Invincibility“

Erfahrungen in der Ukraine

  • Zu Kriegsbeginn flohen ca. 15 Mio. Menschen spontan aus ihren Wohnorten, meist unkoordiniert, mit Staus, Unterkunftsknappheit und Unsicherheit entlang der Routen.
  • Später wurden Evakuierungen in Frontnähe stärker militärisch-zivil koordiniert (CIMIC-Strukturen).
  • Zahlreiche Städte richteten sogenannte „Points of Invincibility“ / Sicherheitspunkte ein: beheizte Anlaufstellen mit Strom, WLAN, Wasser, Tee, Decken, Basis-Medizin, teils Treibstoff – sowohl entlang von Fluchtrouten als auch in zerstörten Stadtteilen.
  • Luftwarnungen wurden stark ausgebaut: klassische Sirenen plus Apps und Telegram‑Kanäle mit Alarmen und Infos zu Raketen- und Drohnenangriffen.
  • Viele Schutzräume waren zu Kriegsbeginn verschlossen oder in schlechtem Zustand. Räume, die im Frieden z.B. als Schulen, Kitas, Clubs oder Lager genutzt worden waren, waren meist deutlich besser in Schuss.
  • Basements, die keine echten Schutzräume sind, haben bei Gebäudeeinstürzen oft Menschen nicht ausreichend geschützt.
  • Der Bericht betont das hohe Risiko durch CBRN‑Gefahren (chemisch, biologisch, radiologisch, nuklear) – sowohl durch bewusst eingesetzte Waffen als auch durch Treffer auf Industrieanlagen, Tanks, Chemiebetriebe.

Lehren für Schweden

  • Migrationsbewegungen sind dynamisch – es braucht Pläne sowohl für Evakuierung als auch für Unterbringung und spätere Rückkehr, inklusive Räumung von Blindgängern und Wiederaufbau grundlegender Dienste.
  • Sicherheitspunkte sollten in Friedenszeiten konzipiert und verortet werden (z.B. an Feuerwehrwachen, Tankstellen, entlang Hauptverkehrsachsen).
  • Luftwarnsysteme müssen schnell, glaubwürdig und technisch robust sein – Kombination aus Sirenen, Cell Broadcast, Apps und Social Media.
  • Schutzräume und verstärkte Räume müssen dort geplant werden, wo viele Menschen sind (Städte, Knotenpunkte). Regelmäßige Nutzung im Alltag erhöht den Wartungszustand.
  • Der Einsatz von Rettungshunden ist ein wesentlicher Baustein beim Schutz der Bevölkerung (Trümmersuche, ggf. Detektion).
  • Krieg führt fast zwangsläufig zu großflächigen Gefahrstofffreisetzungen – darauf muss auch zivil vorbereitet werden (Evakuierungen, Information, Dekontamination).

2.2 Risiko- und Krisenkommunikation

Erfahrungen

  • Social Media ist in der Ukraine der wichtigste Informationskanal (ca. 75 % Nutzung), deutlich vor TV und Radio. Plattformen: Telegram, Viber, Facebook, Signal, WhatsApp, Instagram.
  • Zu Beginn funktionierte die Kommunikation zwischen Zentralregierung, Regionen und Kommunen schlecht; Informationslücken wurden durch NGOs, Freiwillige und Influencer gefüllt.
  • Luftalarm-Apps und lokale Social-Media-Kanäle (z.B. „Kyiv Digital“) wurden extrem wichtig.
  • Ein gemeinsames Krisenkommunikationshandbuch wurde u.a. mit Schweden entwickelt; es betont Koordination und klare Rollen, ist aber noch nicht umfassend evaluiert.

Lehren

  • Zivil-militärische Abstimmung in der Kommunikation ist entscheidend – ohne Lageaustausch können Menschen direkt in Gefahren geraten.
  • Kommunale Entscheidungsträger müssen fähig sein, autonom zu agieren und zu kommunizieren, falls sie vom Zentrum abgeschnitten sind.
  • Kommunikationsstrategien müssen vorab geplant, aber flexibel anpassbar sein (Kanalwahl, Ton, Detailtiefe, Zielgruppenspezifik).
  • Es braucht eine langfristige nationale Kommunikationsstrategie für Zeiten erhöhter Alarmbereitschaft (inkl. Social Media).

2.3 Migration und Binnenvertriebene

Erfahrungen

  • Über 6,5 Mio. Menschen flohen ins Ausland, v.a. Frauen und Kinder; ca. 3,7 Mio. sind Binnenvertriebene. Männer 18–60 dürfen das Land grundsätzlich nicht verlassen.
  • Hohe Geschlechtersegregation im Arbeitsmarkt (z.B. 83 % der Beschäftigten im Gesundheitswesen weiblich) verstärkt die Folgen der Flucht: ganze Sektoren leiden unter Personalmangel.
  • Mit dem DIIA‑Digitalportal können Binnenvertriebene u.a. Sozialleistungen, Dokumente und Steuererklärungen online abwickeln – ohne Besuch im Heimatamt.

Lehren

  • Behörden müssen in der Lage sein, Sozialleistungen, Renten, Arbeitslosengeld etc. auch bei großräumiger Binnenflucht zuverlässig auszuzahlen – u.a. digital.
  • Geschlechteraspekte sind kritisch: Wenn stark feminisierte Berufsgruppen massenhaft ausfallen, bricht Versorgung zusammen. Zivildienst und Personalplanung müssen das berücksichtigen.
  • Kinderbetreuung, Schule und Pflege sind Schlüssel, um Personal in kritischen Bereichen zu halten.

2.4 Vulnerable Gruppen, Gewalt & Kinder

Erfahrungen

  • Frauen und Kinder stellen den Großteil der Geflüchteten; sie sind überproportional von Menschenhandel, sexualisierter Gewalt, Ausbeutung bedroht.
  • Es gibt umfangreiche Hinweise auf sexualisierte Gewalt durch russische Soldaten.
  • Die häusliche Gewalt stieg deutlich; die Polizei registrierte 2023 ca. 54 % mehr Fälle als 2021 – Dunkelziffer sehr hoch. Ursachen: Stress, Armut, PTBS, Alkohol, Rückkehr traumatisierter Soldaten.
  • Kinder, besonders unbegleitete, sind extrem gefährdet (Menschenhandel, Zwangsadoptionen, Deportation). Tausende wurden mutmaßlich nach Russland verbracht.
  • Menschen mit Behinderungen und Hochbetagte sind stark benachteiligt (nicht barrierefreie Unterkünfte, Informationsmangel, Versorgungsabbrüche).
  • Initiativen wie UNICEF „Blue Dots“ und andere „Safe Spaces“ bieten Schutz, Betreuung und Informationen.

Lehren

  • Schutzkonzepte müssen spezifisch auf Frauen, Kinder, Menschen mit Behinderung und ältere Menscheneingehen (u.a. barrierefreie Schutzräume, sichere Evakuierungswege, spezialisierte Hilfsangebote).
  • Es ist mit einem Anstieg häuslicher und sexualisierter Gewalt in Kriegszeiten zu rechnen – Hotline‑Strukturen, Frauenhäuser, Polizei, Justiz und psychosoziale Dienste müssen darauf vorbereitet sein.
  • Besondere Vorkehrungen sind nötig, um Kinderdeportationen und Zwangsadoptionen zu verhindern bzw. aufzuklären.

2.5 Psychische Gesundheit

Erfahrungen

  • Laut Gesundheitsministerium benötigen etwa 14 Mio. Ukrainer*innen psychologische Unterstützung.
  • Rettungs‑, Feuerwehr‑, Notarzt‑ und Militärpersonal sind stark von PTBS und sekundärer Traumatisierungbetroffen.
  • Jugendliche klagen verstärkt über Angst vor Zukunft, Gesundheit und Einkommen; viele geben Freizeitaktivitäten auf, weil „es keinen Sinn mehr hat“.

Lehren

  • Psychische Gesundheit gehört ins Zentrum des Zivilschutzes, nicht als Randthema: Prävention, Akutversorgung, Langzeittherapie für Einsatzkräfte und Bevölkerung.
  • Hohe psychische Belastung schwächt Resilienz und Verteidigungswillen; das muss in Planungen einkalkuliert werden (Ressourcen, Fachpersonal, niedrigschwellige Angebote, Entstigmatisierung).

2.6 Bestattungswesen

Erfahrungen

  • Bestattungsinfrastruktur ist überlastet: Personalmangel, Sargknappheit, überfüllte Kühlräume.
  • Massengräber sind Realität; die Identifizierung der Toten ist schwierig, aber militärische Erkennungsmarken, Dokumente und DNA helfen.
  • Auch das Militär kremiert verstärkt, was die Kapazitäten zusätzlich belastet.

Lehren

  • Staaten brauchen Pläne für den Umgang mit Massensterbefällen: Reservestandorte für Grabfelder, Kühlkapazitäten (z.B. Eishallen), Sarg‑/Sacklager, forensische Kapazität und Identifizierungsprozesse.
  • Erkennungsmarken und verlässliche Register erleichtern spätere Identifikation und Trauerarbeit.

2.7 Wasser, Nahrung und Sanitärversorgung

Erfahrungen

  • Zerstörte Straßen, Brücken und Infrastruktur verursachten massive Logistikprobleme.
  • Große Binnenflucht führte zu lokalen Engpässen in aufnehmenden Regionen.
  • Energieangriffe machten Lebensmittelherstellung und ‑lagerung teurer und unsicher (Kälteketten).
  • Kleine mobile Wasseraufbereitungsanlagen, die Analyse und Reinigung von Wasser in Frontnähe erlauben, sind wertvoll – funktional begrenzt, aber psychologisch wichtig.
  • Viele Haushalte konnten sich zunächst mit eigenen Vorräten über Wasser halten; Selbstorganisation in Nachbarschaften half.

Lehren

  • Wasser‑ und Lebensmittelproduktion sind Ziele im Krieg; daher: Schutz der Anlagen, Dezentralisierung, mobile Lösungen und Vorkehrungen für Stromausfall.
  • Gute Haushaltsvorsorge (Vorräte für mehrere Tage/Wochen) entlastet den Staat und erhöht die Resilienz.
  • Selbstorganisation von Nachbarschaften sollte unterstützt und eingeplant werden.

2.8 Aufnahme internationaler ziviler & humanitärer Hilfe

Erfahrungen

  • Ein Großteil der Hilfsgüter wurde zunächst über Logistik-Hubs in Polen, Rumänien, Slowakei (UCPM) abgewickelt; Polen (RARS) war Drehkreuz.
  • Später wurde stärker direkt nach Ukraine geliefert, u.a. um Hubs zu entlasten – allerdings mit höherem administrativem Aufwand (Zoll, Papiere, humanitärer Code).
  • Die ukrainische Katastrophenschutzbehörde SESU ist Schlüsselinstitution für die Verteilung von EU-Hilfe.
  • NGOs, spontane Freiwilligeninitiativen und Diaspora spielten eine große Rolle bei Verteilung & lokaler Organisation.
  • Lager und Hilfsgüter sind militärische Ziele – es gab Angriffe auf Lagerhäuser, inkl. rotes Kreuz; daher wurden Schutzmaßnahmen (Verlagerung, Gabionen, Sandsäcke, Dislozierung) nötig.
  • Nachweisbarkeit und Transparenz der Verwendung von Hilfen sind entscheidend, um Spendenbereitschaft zu erhalten.

Lehren

  • Länder brauchen eine nationale Schnittstelle mit Logistik‑ und Lagerkompetenz, die Hilfen annimmt, priorisiert und verteilt (in Schweden könnte MSB diese Rolle stärker übernehmen).
  • Multiple, räumlich verteilte Lagerstandorte erhöhen Sicherheit und Flexibilität; Kooperation mit Nachbarstaaten (Nordischer Bereich) wichtig.
  • Digitale Systeme für Tracking & Reporting von Hilfsgütern müssen vorbereitet sein.
  • Der Empfang von internationalen Expert*innen und deren Integration (Visa, Akkreditierung, Haftung) sollte rechtlich und praktisch vorab geklärt werden.

3. Sicherung kritischer Funktionen & Versorgung

3.1 Vorbereitung & Planung

Finanz- und Wirtschaftssystem

  • Ukraine reformierte seit 2014 ihr Bankensystem (Unabhängigkeit der Zentralbank, Anti‑Korruptionsmaßnahmen, Schließung problematischer Banken, IWF-Programme).
  • Bereits vor Kriegsbeginn existierte ein Notrechtsrahmen; am 24.2.2022 wurden sofort Maßnahmen aktiviert: Kapitalkontrollen, Inflationssteuerung, Sicherung von Zahlungssystemen, Schutz von KMU.

Daten & digitale Verwaltung

  • Kurz vor 2022 trat ein Gesetz in Kraft, das erlaubte, staatlich kritische Daten in ausländischen Clouds zu sichern. Dadurch konnten viele Register ins Ausland gespiegelt werden.
  • Mit DIIA existiert seit 2020 ein umfassendes digitales Bürgerportal (Dokumente, Sozialleistungen, Steuer, Unternehmensservices, Schadensmeldungen, etc.) plus physische Service-Center und mobile Büros.

Energiesektor

  • Ukraine arbeitete seit Jahren daran, sich vom russischen Strom- und Gasnetz abzukoppeln und ins europäische Verbundnetz zu integrieren.
  • Der tatsächliche „Inselbetrieb“ und die spätere Synchronisierung mit Europa erfolgten just zum Kriegsbeginn – dank jahrelanger Vorbereitung.
  • Große Energieversorger hatten Ausweichleitstellen vorgeplant und konnten ihren Betrieb rasch verlagern.

Lehren

  • Vorbereitende Reformen & Notrecht im Finanz‑, Energie‑ und IT‑Bereich sind entscheidend, um im Krieg handlungsfähig zu sein.
  • Physischer Schutz (Bauweise, Härtung) muss mitgedacht werden, wenn Infrastruktur neu gebaut wird; Nachrüstung ist teuer oder begrenzt wirksam.
  • Staaten müssen klären, wie kritische Daten im Ernstfall geschützt, verlagert oder zerstört werden sollen.

3.2 Anpassung an Kriegsbedingungen

Beispiele aus der Ukraine

  • Nationale Roaming-Regelung: Nutzer konnten sich in alle verfügbaren Mobilfunknetze einbuchen; nicht bezahlte Rechnungen führten nicht zur Abschaltung.
  • Lastmanagement im Stromnetz: Geplante und rotierende Abschaltungen, Appelle zum Stromsparen, massenhafter Einsatz von Generatoren, steuerliche Begünstigung von Generatoren & Treibstoff.
  • Transport: Bahn ersetzte ausgefallene Seewege; Diesel‑ und sogar Dampfloks aus Altbeständen wurden reaktiviert; Restaurantwagen wurden zu mobilen Feldküchen umgebaut.
  • Bahnstationen dienten als Schutzräume und Behelfsunterkünfte; Spezialzüge übernahmen medizinische Evakuierung.
  • Schulen: Unterricht in Schutzräumen und online; nur ein Teil der Kinder hat regulären Präsenzunterricht; große Lernrückstände.
  • Wirtschaft: Viele Firmen verlagerten ihren Sitz, erhielten staatliche Umzugshilfe, investierten in DefenceTech (Drohnen, Logistik, MedTech).
  • Start-up‑Programme wie „Brave1“ fördern Innovation für die Front und den Zivilschutz; Unternehmen finanzieren teils Produktion über Spenden und verschenken Produkte an Staatseinrichtungen.

Lehren

  • Für Länder mit großem Territorium (wie Schweden) sind mobile Lösungen (Wasser, Medizin, Verwaltung, Energie) strategisch wichtig.
  • Nationale Roaming‑Modelle, Backup-Energieversorgung und robuste digitale Plattformen sind zentrale Anpassungsinstrumente.
  • Staat und Privatwirtschaft müssen gemeinsam innovationsfreundliche Rahmenbedingungen schaffen, die im Krisenfall genutzt werden können.
  • Schul‑ und Kita-Betrieb braucht eigene Krisen‑ und Schutzraumkonzepte – auch, um Eltern im System zu halten.

3.3 Versorgungssicherheit

Erfahrungen

  • Trotz Krieges waren in vielen Regionen Waren meist verfügbar; Gründe: flexible Logistik, Vorratshaltung, andere Konsumgewohnheiten, Einstellung „wir kümmern uns selbst“.
  • Im Gesundheitswesen fehlte High-Tech, aber Basis-Ausrüstung und TCCC‑Training (Tourniquets, Verbände, Ersthelfer*innen) erwiesen sich als lebensrettend.
  • Für Treibstoffsicherheit setzte Ukraine auf dezentrale Lager in vielen kleinen Depots und kleinteilige Lieferungen an Tankstellen – weniger attraktive Ziele.

Lehren

  • Vorräte sollten dezentral liegen (regional/kommunal), nicht nur in wenigen nationalen Großlagern.
  • Nordische Kooperation bietet Chancen für gemeinsame Vorräte.
  • Gerade beim medizinischen Material können einfache, aber robuste Produkte mit guter Ausbildung mehr bewirken als wenige High-Tech‑Geräte.
  • Starke Haushalts- und Selbstvorsorge ist ein wesentlicher Resilienzfaktor.

3.4 Instandhaltung & Reparatur

Erfahrungen

  • Telekommunikations- und Postinfrastruktur wurden massiv beschädigt; dennoch blieb das System erstaunlich funktionsfähig.
  • Ein Grund: aufbewahrte Alt‑Ersatzteile und z.T. lokale Produktion.
  • Bei Stromnetz und Bahn sind Ersatzteile schwierig, weil viel Technik sowjetischer Normen verwendet; internationale Hilfe ist nötig.
  • Energieunternehmen bildeten zusätzliche mobile Reparaturteams, hielten spezialisiertes Personal vom Militäreinsatz zurück und arbeiteten eng mit Militär, Polizei und SESU wegen Minen und Doppelangriffen zusammen.
  • Ehrenamtliche mit technischem Know-how wurden über zentrale Hubs in Reparaturarbeiten eingebunden.

Lehren

  • Ersatzteilstrategie muss auch „alte“ Komponenten berücksichtigen, wenn diese in Altanlagen noch nutzbar wären.
  • Verantwortliche für kritische Infrastrukturen sollten über eigene schnell mobilisierbare Reparaturteams verfügen.
  • Prioritätenlisten, was zuerst repariert wird, sollten im Frieden festgelegt werden.
  • Ehrenamtliche können Reparaturen unterstützen, brauchen aber Strukturen und Sicherheitskonzepte.

3.5 Kooperation, Führung & Personal

Kooperation & Führung

  • In der Ukraine liegt die übergreifende Gesamtverantwortung beim Militär; Zivilstrukturen unterstützen.
  • Auf Ebene der Oblaste gibt es formalisierte Zivil-Militär-Strukturen; der Gouverneur führt sowohl zivile als auch militärische Koordination.
  • Kommunikation läuft oft über einfache Messenger‑Apps (Signal, WhatsApp, Telegram) – schnell und verbreitet, aber nicht immer sicher.

Personal

  • Krieg führt zu massiven Personalengpässen in kritischen Sektoren (Gesundheit, Verwaltung, Infrastruktur).
  • Schutz der Mitarbeitenden (Schutzausrüstung, Schutzräume am Arbeitsplatz) ist Voraussetzung, damit sie weiter arbeiten.
  • Studenten und Hilfskräfte wurden früh in Gesundheitsberufe hineingezogen.
  • Neues Kriminalitätsprofil (Kriegsverbrechen, Desertion, Bewaffnung der Gesellschaft) verlangt zusätzliche Spezialkompetenzen in Justiz & Polizei.
  • Freiwillige werden gezielt eingebunden (z.B. Cybervolunteers, Reparaturteams) – allerdings riskieren einige, völkerrechtlich als Kombattanten zu gelten.

Lehren

  • Klare Rollen- und Verantwortungszuweisung zwischen Militär, staatlichen Stellen, Kommunen und privaten Akteuren ist zentral – und muss geübt werden.
  • Personalkonzepte brauchen Reserven, Umschulungs- und Versetzungsmechanismen, damit kritische Funktionen durchhalten.
  • Freiwillige und Zivilgesellschaft müssen eingeplant werden – mit klar zivilen Aufgabenprofilen, um sie zu schützen.
  • Breite Erste-Hilfe- und Blutungsstillungsschulung der Bevölkerung ist ein wichtiger Low‑Tech‑Hebel.

3.6 Cyber- & Informationssicherheit

Erfahrungen

  • Seit 2014 hat Ukraine Organisationen, Gesetze und Partnerschaften aufgebaut, um Cyberangriffe besser abzuwehren.
  • Enge Zusammenarbeit mit internationalen IT‑Unternehmen und Staaten; Fokus auf Schutz kritischer Assets und Wiederherstellungsfähigkeit.
  • Große Firmen stellten Cloud-Kapazitäten bereit, um Daten zu sichern; Ukraine teilte bewusst Informationen mit Partnern – auch wenn das aus Sicherheits-/Datenschutzsicht heikel war.
  • Tausende Freiwillige beteiligen sich an der sogenannten Cyber-Armee, mit unklarer völkerrechtlicher Stellung.

Lehren

  • Informationsteilung zwischen Behörden und mit vertrauenswürdigen privaten Partnern muss rechtlich und praktisch für Krisenfälle vorbereitet werden.
  • Partner brauchen frühzeitig technische Einblicke, um präventiv helfen zu können.
  • Staaten müssen klären, wie weit zivile Freiwillige in Cyberkonflikte eingebunden werden sollen – und welche Schutzmechanismen gelten.

4. Beitrag zur militärischen Verteidigung

Erfahrungen

  • Zivile Krankenhäuser behandeln massenhaft Soldaten – die militärische Medizin ist in die zivile integriert; Feldlazarette wären zu sichtbare Ziele.
  • Rotes Kreuz, Rettungsdienste und Sanitätsfahrzeuge sind trotz Schutzsymbolen gezielt angegriffen worden; deswegen Verzicht auf sichtbare Markierungen.
  • Bahn und Zivilfahrzeuge übernehmen einen Großteil von Evakuierung und Nachschub; militärische und zivile Transporte werden strikt getrennt, militärische Prioritäten gelten.

Lehren

  • Zivile Gesundheitssysteme müssen für Massenanfall von Verwundeten (zivil & militärisch) ausgelegt werden.
  • Zivile Transportkapazitäten (Bahn, Lkw, Omnibusse, Privatfahrzeuge) sind integraler Teil der militärischen Logistik und sollten dafür eingeplant und rechtlich abgesichert werden.
  • Civil-Military Cooperation insbesondere auf lokaler Ebene ist entscheidend.

5. Resilienz, Informationskrieg & Verteidigungswille

5.1 Strategische Kommunikation

Erfahrungen

  • Ab 2015 Aufbau staatlicher Strategischer Kommunikation; bei Kriegsbeginn 2022 noch nicht vollständig.
  • Ukraine nutzte zu Beginn eine „One-Voice“-Strategie: nur Präsident und wenige andere sprachen, alle TV-Kanäle sendeten dieselben Botschaften.
  • Später wichen Bevölkerung und Medien verstärkt auf Social Media aus, suchten mehr Vielfalt und Detailinformationen; Vertrauen in klassische Medien sank.
  • International war die Kampagne, Ukraine als Verteidigerin von Demokratie und regelbasierter Ordnung darzustellen, sehr erfolgreich und mobilisierte breite Unterstützung.

Lehren

  • Eine „One Voice“-Phase kann am Anfang sinnvoll sein, muss aber rechtzeitig in differenzierte Kommunikationsformen übergehen.
  • Kommunikationsstrategien sollten auch schon die Zeit nach dem Krieg mitdenken („Wie geht es weiter, wenn wir gewinnen?“), um Hoffnung zu geben, ohne unrealistisch zu wirken.
  • Kommunikationskoordination zwischen Regierung, Behörden, Militär, Wirtschaft und Zivilgesellschaft muss im Frieden aufgebaut und geübt werden.

5.2 Bekämpfung feindlicher Desinformation

Erfahrungen

  • Ukraine hat Frühwarnsysteme und Software zur Erkennung russischer Desinformation; das Center for Countering Disinformation (CCD) erstellt regelmäßige Lageberichte zu Narrativen und Kanälen.
  • Staatliche Stellen fokussieren nicht nur auf Widerlegung, sondern setzen eigene, proaktive Kampagnen.
  • Russische und russlandnahe Medien sind blockiert; gemeinsame Newsplattform („United News TV“) bündelt Informationen.
  • Funktionierende ukrainische Mobilfunknetze und Internetzugänge sind essenziell, um der Bevölkerung eigene Informationskanäle offen zu halten.
  • Schulen, Universitäten und Think Tanks könnten stärker bei Medienbildung und Analyse eingebunden werden.

Lehren

  • Ein aufgeklärtes, medienkompetentes Publikum mit Vertrauen in Institutionen ist die beste Abwehr gegen Desinformation.
  • Staaten brauchen eigene hochwertige Content‑Produktionen (auch in Social Media‑Formaten), um gegen feindliche Narrative anzukommen.
  • Medienkompetenz sollte früh im Bildungssystem verankert sein und Teil von Gesamtverteidigungsbildungwerden.

5.3 Verteidigungswille

Erfahrungen

  • Trotz Kriegsmüdigkeit und sinkendem Vertrauen in Politik und Medien bleibt der Verteidigungswille hoch.
  • Probleme bestehen bei Mobilisierung und Rotation, weil kein klares Enddatum für den Dienst existiert und viele Männer fliehen oder sich entziehen.
  • Ein funktionierender Staat – pünktliche Löhne, saubere Straßen, funktionierende Verwaltung – trägt stark zum Durchhaltewillen bei.

Lehren

  • Die Messung von „Verteidigungswille“ ist schwierig; klassische Umfragen können täuschen. Es sind bessere Messmethoden nötig (z.B. Szenarien, Verhaltensstudien).
  • Die Bevölkerung verliert Motivation, wenn der Eindruck entsteht, der Staat funktioniere nicht oder der Krieg sei aussichtslos. Funktionsfähigkeit des Alltags ist daher selbst ein Verteidigungsfaktor.
  • Psychische Gesundheit ist eine zentrale Voraussetzung für Verteidigungswille – hohe Traumatisierung kann ihn untergraben.

5.4 Schutz von Kulturerbe

Erfahrungen

  • Kulturinstitutionen bleiben bewusst offen, soweit möglich; sie dienen Resilienz, Hoffnung und Verarbeitung von Kriegserfahrungen.
  • Russland zerstört, plündert und deportiert systematisch ukrainisches Kulturerbe; UNESCO dokumentiert umfangreiche Schäden.
  • Museen hatten begrenzte Evakuierungspläne und Material; wertvollste Objekte wurden verlagert, teilweise ins Ausland.
  • Unbewegliches Erbe (Kirchen, Denkmäler) wird vor Ort mit Schutzmaßnahmen (z.B. Verkleidung, physischer Schutz) gesichert.
  • Internationale Programme unterstützen Digitalisierung, Datensicherung und Notfallmaßnahmen; erstmals wurde über das UCPM gezielt Hilfe für Kulturerbe geleistet.

Lehren

  • Kulturerbe ist ein strategisches Ziel und muss integraler Teil der Zivilschutzplanung sein (Evakuationslisten, Verteilkonzepte, Schutzmaterial, Personal, Dokumentation).
  • Zuständigkeiten (z.B. Denkmalbehörde, Nationalarchive, Nationalbibliothek) müssen klar sein und in die Gesamtplanung eingebunden werden.
  • International sollte Kulturerbe in Katastrophen- und Krisenmechanismen (z.B. UCPM) dauerhaft mitgedacht werden, nicht erst ad hoc.

6. MSB‑Einsätze in der Ukraine & Lerneffekte für Schweden

MSB war seit 2014, verstärkt seit 2022, mit umfangreicher Hilfe tätig:

  • Sachhilfe & Logistik: Energieausrüstung, Löschfahrzeuge, Wasser-/Abwassersysteme, Schulbusse, Minenräumungstechnik, CBRN‑Material, Straßen‑/Schienenmaterial, Medizinprodukte und Arznei.
  • Koordination von Spenden aus schwedischen Behörden, Kommunen und Privatwirtschaft; Nutzung der EU‑Mechanismen (UCPM, rescEU).
  • Entsendung von Expert*innen in UN‑Organisationen, OSZE, EU‑Missionen, u.a. in den Bereichen Minenräumung, Logistik, Gesundheit, Unterkünfte.
  • Train-the-Trainer‑Programme für medizinische Erstversorgung (Blutungsstillung etc.) – bisher etwa 80 Trainer, die rund 60.000 Personen ausgebildet haben.
  • rescEU-Notunterkünfte: bis zu 3.000 Unterkunftseinheiten für ca. 15.000 Menschen, unter hohem Zeitdruck konzipiert und geliefert.
  • Medizinische Evakuierung (Medevac): Schweden nahm bisher knapp 200 Patient*innen auf; MSB koordinierte Transport, Logistik und Schnittstellen zwischen EU‑Hub in Polen, Ukraine, schwedischen Regionen und Behörden.

Wichtige Lehren aus den Einsätzen

  • Materialhilfe entfaltet ihre Wirkung erst richtig, wenn Schulung und technische Unterstützung mitgeliefert werden.
  • Eus‑Mechanismen (UCPM, rescEU) funktionieren gut, erfordern aber schnelle, flexible Verwaltungsprozesse – Zeitdruck kann zu Suboptimalitäten (z.B. ungeeignete Unterkunftstypen) führen.
  • Einige Missionen – etwa Medevac – sind komplexer als zunächst gedacht und binden viele Sektoren; koordinierende Stellen müssen bereit sein, mehr Verantwortung zu tragen als formal vorgesehen.
  • Schwedische Gesundheitsversorgung gewinnt enorm an Erfahrung mit Kriegsverletzungen und multiresistenten Keimen – ein Nutzen auch für die eigene Vorsorge.
  • Internationale Einsätze wirken wie ein „Trainingslager“ für den eigenen Zivilschutz: Planungs‑, Logistik‑ und Kooperationskompetenzen werden gestärkt.

7. Gesamtschlussfolgerungen & zentrale Empfehlungen

Der Bericht nennt drei übergreifende Hauptlehren:

  1. Angriffe auf Zivilbevölkerung und Infrastruktur sind zu erwarten – trotz humanitären Völkerrechts. Zivilschutzstrukturen müssen darauf ausgerichtet sein.
  2. Frühe Vorbereitung und Planung (Gesetze, Strukturen, Infrastruktur, Daten, Übungen) erhöhen die Resilienz enorm.
  3. Gesellschaftliche Anpassungsfähigkeit UND Durchhaltefähigkeit sind entscheidend – vom Individuum bis zur Volkswirtschaft.

Aus zahlreichen Detailvorschlägen ragen u.a. folgende Empfehlungen für Schweden hervor:

  • Nationale Priorisierungs- und Umverteilungsmechanismen für Ressourcen zwischen Regionen, Sektoren und im Rahmen internationaler Hilfe entwickeln.
  • Strukturen für Empfang und Verteilung internationaler Hilfe inkl. Host Nation Support klären und einüben (Rolle von MSB, Regionen, Nachbarländern).
  • Breite Erste-Hilfe- und Blutungsstillungsprogramme für die Bevölkerung aufbauen.
  • Psychische Gesundheit explizit im Zivilschutz verankern; Kapazität und Angebote für Einsatzkräfte und Zivilbevölkerung stärken.
  • Verantwortung für Bestattungswesen und für Instandsetzung & Reparatur im Zivilschutz klar zuweisen und entsprechende Organisationen aufbauen.
  • Sicherstellen, dass Binnenvertriebene weiterhin Leistungen (Sozial-/Arbeitslosen-/Renten) erhalten können, u.a. durch digitale Systeme.
  • Detaillierte Pläne zur Absicherung von Kerndaten (Backups, Verlagerung, Vernichtung) ausarbeiten.
  • Evakuierungs- und Unterbringungsplanung national koordinieren; unklare Zuständigkeiten (Migration vs. Binnenflucht) auflösen.
  • Bildungsträger (Schulen, Kitas, Hochschulen) in die Gesamtverteidigungsplanung einbinden und entsprechend finanzieren.
  • Unexplodierte Munition / Minenräumung als eigenständige Kernaufgabe mit klarer Zuständigkeit definieren.
  • Physische Schutzbauwerke (Schutzräume, verstärkte Bereiche) ausbauen und einfache Selbstschutzmaßnahmen fördern.
  • Eine langfristige nationale Kommunikationsstrategie für Krisen/ Krieg entwickeln, inklusive Social-Media‑Ansatz und Wissensaufbau über Totalverteidigung in der Bevölkerung.

Transparenz: Ein Teil des Artikels ist mit Hilfe von künstlicher Intelligenz formuliert worden.


Dieser Beitrag ist am 13. November 2025 auch auf LinkedIn erschienen.

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