Beim IKT-Ausschuss des DIHK wurde von Björn Stahlhut in einem extrem spannenden Vortrag ein Dokument zitiert – “Sweden’s Civil Defence: Lessons from Ukraine”, Link: https://rib.msb.se/filer/pdf/30951.pdf Hier eine etwas ausführlichere Analyse / Zusammenfassung:
Der Bericht analysiert, was Schweden für den Ausbau seines Zivilschutzes aus dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine lernen kann. Er ist als Ergänzung zu schwedischen Verteidigungs- und Zivilschutzkonzepten gedacht und gliedert sich entlang der Ziele des schwedischen Zivilschutzes.
1. Hintergrund und Ziele
Der Bericht der schwedischen Zivilschutzbehörde MSB:
- betrachtet Erfahrungen aus der Ukraine seit 2014, mit Schwerpunkt auf den vollumfänglichen Angriff ab 2022;
- zieht daraus Lehren für Schwedens zivile Verteidigung und teilweise auch für EU, NATO und andere Staaten;
- ergänzt frühere schwedische Berichte („Framåtanda“, „Kraftsamling“) und soll in ein laufendes Lern‑ und Anpassungsprogramm einfließen.
Die fünf offiziellen Ziele des schwedischen Zivilschutzes, nach denen der Bericht strukturiert ist:
- Schutz der Zivilbevölkerung
- Sicherung der wichtigsten gesellschaftlichen Funktionen und Versorgung
- Beitrag zur militärischen Verteidigungsfähigkeit
- Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Resilienz und des Verteidigungswillens
- Nutzung eigener Ressourcen für internationale, friedensfördernde und humanitäre Einsätze
2. Schutz der Zivilbevölkerung
2.1 Evakuierung, Schutzräume und „Points of Invincibility“
Erfahrungen in der Ukraine
- Zu Kriegsbeginn flohen ca. 15 Mio. Menschen spontan aus ihren Wohnorten, meist unkoordiniert, mit Staus, Unterkunftsknappheit und Unsicherheit entlang der Routen.
- Später wurden Evakuierungen in Frontnähe stärker militärisch-zivil koordiniert (CIMIC-Strukturen).
- Zahlreiche Städte richteten sogenannte „Points of Invincibility“ / Sicherheitspunkte ein: beheizte Anlaufstellen mit Strom, WLAN, Wasser, Tee, Decken, Basis-Medizin, teils Treibstoff – sowohl entlang von Fluchtrouten als auch in zerstörten Stadtteilen.
- Luftwarnungen wurden stark ausgebaut: klassische Sirenen plus Apps und Telegram‑Kanäle mit Alarmen und Infos zu Raketen- und Drohnenangriffen.
- Viele Schutzräume waren zu Kriegsbeginn verschlossen oder in schlechtem Zustand. Räume, die im Frieden z.B. als Schulen, Kitas, Clubs oder Lager genutzt worden waren, waren meist deutlich besser in Schuss.
- Basements, die keine echten Schutzräume sind, haben bei Gebäudeeinstürzen oft Menschen nicht ausreichend geschützt.
- Der Bericht betont das hohe Risiko durch CBRN‑Gefahren (chemisch, biologisch, radiologisch, nuklear) – sowohl durch bewusst eingesetzte Waffen als auch durch Treffer auf Industrieanlagen, Tanks, Chemiebetriebe.
Lehren für Schweden
- Migrationsbewegungen sind dynamisch – es braucht Pläne sowohl für Evakuierung als auch für Unterbringung und spätere Rückkehr, inklusive Räumung von Blindgängern und Wiederaufbau grundlegender Dienste.
- Sicherheitspunkte sollten in Friedenszeiten konzipiert und verortet werden (z.B. an Feuerwehrwachen, Tankstellen, entlang Hauptverkehrsachsen).
- Luftwarnsysteme müssen schnell, glaubwürdig und technisch robust sein – Kombination aus Sirenen, Cell Broadcast, Apps und Social Media.
- Schutzräume und verstärkte Räume müssen dort geplant werden, wo viele Menschen sind (Städte, Knotenpunkte). Regelmäßige Nutzung im Alltag erhöht den Wartungszustand.
- Der Einsatz von Rettungshunden ist ein wesentlicher Baustein beim Schutz der Bevölkerung (Trümmersuche, ggf. Detektion).
- Krieg führt fast zwangsläufig zu großflächigen Gefahrstofffreisetzungen – darauf muss auch zivil vorbereitet werden (Evakuierungen, Information, Dekontamination).
2.2 Risiko- und Krisenkommunikation
Erfahrungen
- Social Media ist in der Ukraine der wichtigste Informationskanal (ca. 75 % Nutzung), deutlich vor TV und Radio. Plattformen: Telegram, Viber, Facebook, Signal, WhatsApp, Instagram.
- Zu Beginn funktionierte die Kommunikation zwischen Zentralregierung, Regionen und Kommunen schlecht; Informationslücken wurden durch NGOs, Freiwillige und Influencer gefüllt.
- Luftalarm-Apps und lokale Social-Media-Kanäle (z.B. „Kyiv Digital“) wurden extrem wichtig.
- Ein gemeinsames Krisenkommunikationshandbuch wurde u.a. mit Schweden entwickelt; es betont Koordination und klare Rollen, ist aber noch nicht umfassend evaluiert.
Lehren
- Zivil-militärische Abstimmung in der Kommunikation ist entscheidend – ohne Lageaustausch können Menschen direkt in Gefahren geraten.
- Kommunale Entscheidungsträger müssen fähig sein, autonom zu agieren und zu kommunizieren, falls sie vom Zentrum abgeschnitten sind.
- Kommunikationsstrategien müssen vorab geplant, aber flexibel anpassbar sein (Kanalwahl, Ton, Detailtiefe, Zielgruppenspezifik).
- Es braucht eine langfristige nationale Kommunikationsstrategie für Zeiten erhöhter Alarmbereitschaft (inkl. Social Media).
2.3 Migration und Binnenvertriebene
Erfahrungen
- Über 6,5 Mio. Menschen flohen ins Ausland, v.a. Frauen und Kinder; ca. 3,7 Mio. sind Binnenvertriebene. Männer 18–60 dürfen das Land grundsätzlich nicht verlassen.
- Hohe Geschlechtersegregation im Arbeitsmarkt (z.B. 83 % der Beschäftigten im Gesundheitswesen weiblich) verstärkt die Folgen der Flucht: ganze Sektoren leiden unter Personalmangel.
- Mit dem DIIA‑Digitalportal können Binnenvertriebene u.a. Sozialleistungen, Dokumente und Steuererklärungen online abwickeln – ohne Besuch im Heimatamt.
Lehren
- Behörden müssen in der Lage sein, Sozialleistungen, Renten, Arbeitslosengeld etc. auch bei großräumiger Binnenflucht zuverlässig auszuzahlen – u.a. digital.
- Geschlechteraspekte sind kritisch: Wenn stark feminisierte Berufsgruppen massenhaft ausfallen, bricht Versorgung zusammen. Zivildienst und Personalplanung müssen das berücksichtigen.
- Kinderbetreuung, Schule und Pflege sind Schlüssel, um Personal in kritischen Bereichen zu halten.
2.4 Vulnerable Gruppen, Gewalt & Kinder
Erfahrungen
- Frauen und Kinder stellen den Großteil der Geflüchteten; sie sind überproportional von Menschenhandel, sexualisierter Gewalt, Ausbeutung bedroht.
- Es gibt umfangreiche Hinweise auf sexualisierte Gewalt durch russische Soldaten.
- Die häusliche Gewalt stieg deutlich; die Polizei registrierte 2023 ca. 54 % mehr Fälle als 2021 – Dunkelziffer sehr hoch. Ursachen: Stress, Armut, PTBS, Alkohol, Rückkehr traumatisierter Soldaten.
- Kinder, besonders unbegleitete, sind extrem gefährdet (Menschenhandel, Zwangsadoptionen, Deportation). Tausende wurden mutmaßlich nach Russland verbracht.
- Menschen mit Behinderungen und Hochbetagte sind stark benachteiligt (nicht barrierefreie Unterkünfte, Informationsmangel, Versorgungsabbrüche).
- Initiativen wie UNICEF „Blue Dots“ und andere „Safe Spaces“ bieten Schutz, Betreuung und Informationen.
Lehren
- Schutzkonzepte müssen spezifisch auf Frauen, Kinder, Menschen mit Behinderung und ältere Menscheneingehen (u.a. barrierefreie Schutzräume, sichere Evakuierungswege, spezialisierte Hilfsangebote).
- Es ist mit einem Anstieg häuslicher und sexualisierter Gewalt in Kriegszeiten zu rechnen – Hotline‑Strukturen, Frauenhäuser, Polizei, Justiz und psychosoziale Dienste müssen darauf vorbereitet sein.
- Besondere Vorkehrungen sind nötig, um Kinderdeportationen und Zwangsadoptionen zu verhindern bzw. aufzuklären.
2.5 Psychische Gesundheit
Erfahrungen
- Laut Gesundheitsministerium benötigen etwa 14 Mio. Ukrainer*innen psychologische Unterstützung.
- Rettungs‑, Feuerwehr‑, Notarzt‑ und Militärpersonal sind stark von PTBS und sekundärer Traumatisierungbetroffen.
- Jugendliche klagen verstärkt über Angst vor Zukunft, Gesundheit und Einkommen; viele geben Freizeitaktivitäten auf, weil „es keinen Sinn mehr hat“.
Lehren
- Psychische Gesundheit gehört ins Zentrum des Zivilschutzes, nicht als Randthema: Prävention, Akutversorgung, Langzeittherapie für Einsatzkräfte und Bevölkerung.
- Hohe psychische Belastung schwächt Resilienz und Verteidigungswillen; das muss in Planungen einkalkuliert werden (Ressourcen, Fachpersonal, niedrigschwellige Angebote, Entstigmatisierung).
2.6 Bestattungswesen
Erfahrungen
- Bestattungsinfrastruktur ist überlastet: Personalmangel, Sargknappheit, überfüllte Kühlräume.
- Massengräber sind Realität; die Identifizierung der Toten ist schwierig, aber militärische Erkennungsmarken, Dokumente und DNA helfen.
- Auch das Militär kremiert verstärkt, was die Kapazitäten zusätzlich belastet.
Lehren
- Staaten brauchen Pläne für den Umgang mit Massensterbefällen: Reservestandorte für Grabfelder, Kühlkapazitäten (z.B. Eishallen), Sarg‑/Sacklager, forensische Kapazität und Identifizierungsprozesse.
- Erkennungsmarken und verlässliche Register erleichtern spätere Identifikation und Trauerarbeit.
2.7 Wasser, Nahrung und Sanitärversorgung
Erfahrungen
- Zerstörte Straßen, Brücken und Infrastruktur verursachten massive Logistikprobleme.
- Große Binnenflucht führte zu lokalen Engpässen in aufnehmenden Regionen.
- Energieangriffe machten Lebensmittelherstellung und ‑lagerung teurer und unsicher (Kälteketten).
- Kleine mobile Wasseraufbereitungsanlagen, die Analyse und Reinigung von Wasser in Frontnähe erlauben, sind wertvoll – funktional begrenzt, aber psychologisch wichtig.
- Viele Haushalte konnten sich zunächst mit eigenen Vorräten über Wasser halten; Selbstorganisation in Nachbarschaften half.
Lehren
- Wasser‑ und Lebensmittelproduktion sind Ziele im Krieg; daher: Schutz der Anlagen, Dezentralisierung, mobile Lösungen und Vorkehrungen für Stromausfall.
- Gute Haushaltsvorsorge (Vorräte für mehrere Tage/Wochen) entlastet den Staat und erhöht die Resilienz.
- Selbstorganisation von Nachbarschaften sollte unterstützt und eingeplant werden.
2.8 Aufnahme internationaler ziviler & humanitärer Hilfe
Erfahrungen
- Ein Großteil der Hilfsgüter wurde zunächst über Logistik-Hubs in Polen, Rumänien, Slowakei (UCPM) abgewickelt; Polen (RARS) war Drehkreuz.
- Später wurde stärker direkt nach Ukraine geliefert, u.a. um Hubs zu entlasten – allerdings mit höherem administrativem Aufwand (Zoll, Papiere, humanitärer Code).
- Die ukrainische Katastrophenschutzbehörde SESU ist Schlüsselinstitution für die Verteilung von EU-Hilfe.
- NGOs, spontane Freiwilligeninitiativen und Diaspora spielten eine große Rolle bei Verteilung & lokaler Organisation.
- Lager und Hilfsgüter sind militärische Ziele – es gab Angriffe auf Lagerhäuser, inkl. rotes Kreuz; daher wurden Schutzmaßnahmen (Verlagerung, Gabionen, Sandsäcke, Dislozierung) nötig.
- Nachweisbarkeit und Transparenz der Verwendung von Hilfen sind entscheidend, um Spendenbereitschaft zu erhalten.
Lehren
- Länder brauchen eine nationale Schnittstelle mit Logistik‑ und Lagerkompetenz, die Hilfen annimmt, priorisiert und verteilt (in Schweden könnte MSB diese Rolle stärker übernehmen).
- Multiple, räumlich verteilte Lagerstandorte erhöhen Sicherheit und Flexibilität; Kooperation mit Nachbarstaaten (Nordischer Bereich) wichtig.
- Digitale Systeme für Tracking & Reporting von Hilfsgütern müssen vorbereitet sein.
- Der Empfang von internationalen Expert*innen und deren Integration (Visa, Akkreditierung, Haftung) sollte rechtlich und praktisch vorab geklärt werden.
3. Sicherung kritischer Funktionen & Versorgung
3.1 Vorbereitung & Planung
Finanz- und Wirtschaftssystem
- Ukraine reformierte seit 2014 ihr Bankensystem (Unabhängigkeit der Zentralbank, Anti‑Korruptionsmaßnahmen, Schließung problematischer Banken, IWF-Programme).
- Bereits vor Kriegsbeginn existierte ein Notrechtsrahmen; am 24.2.2022 wurden sofort Maßnahmen aktiviert: Kapitalkontrollen, Inflationssteuerung, Sicherung von Zahlungssystemen, Schutz von KMU.
Daten & digitale Verwaltung
- Kurz vor 2022 trat ein Gesetz in Kraft, das erlaubte, staatlich kritische Daten in ausländischen Clouds zu sichern. Dadurch konnten viele Register ins Ausland gespiegelt werden.
- Mit DIIA existiert seit 2020 ein umfassendes digitales Bürgerportal (Dokumente, Sozialleistungen, Steuer, Unternehmensservices, Schadensmeldungen, etc.) plus physische Service-Center und mobile Büros.
Energiesektor
- Ukraine arbeitete seit Jahren daran, sich vom russischen Strom- und Gasnetz abzukoppeln und ins europäische Verbundnetz zu integrieren.
- Der tatsächliche „Inselbetrieb“ und die spätere Synchronisierung mit Europa erfolgten just zum Kriegsbeginn – dank jahrelanger Vorbereitung.
- Große Energieversorger hatten Ausweichleitstellen vorgeplant und konnten ihren Betrieb rasch verlagern.
Lehren
- Vorbereitende Reformen & Notrecht im Finanz‑, Energie‑ und IT‑Bereich sind entscheidend, um im Krieg handlungsfähig zu sein.
- Physischer Schutz (Bauweise, Härtung) muss mitgedacht werden, wenn Infrastruktur neu gebaut wird; Nachrüstung ist teuer oder begrenzt wirksam.
- Staaten müssen klären, wie kritische Daten im Ernstfall geschützt, verlagert oder zerstört werden sollen.
3.2 Anpassung an Kriegsbedingungen
Beispiele aus der Ukraine
- Nationale Roaming-Regelung: Nutzer konnten sich in alle verfügbaren Mobilfunknetze einbuchen; nicht bezahlte Rechnungen führten nicht zur Abschaltung.
- Lastmanagement im Stromnetz: Geplante und rotierende Abschaltungen, Appelle zum Stromsparen, massenhafter Einsatz von Generatoren, steuerliche Begünstigung von Generatoren & Treibstoff.
- Transport: Bahn ersetzte ausgefallene Seewege; Diesel‑ und sogar Dampfloks aus Altbeständen wurden reaktiviert; Restaurantwagen wurden zu mobilen Feldküchen umgebaut.
- Bahnstationen dienten als Schutzräume und Behelfsunterkünfte; Spezialzüge übernahmen medizinische Evakuierung.
- Schulen: Unterricht in Schutzräumen und online; nur ein Teil der Kinder hat regulären Präsenzunterricht; große Lernrückstände.
- Wirtschaft: Viele Firmen verlagerten ihren Sitz, erhielten staatliche Umzugshilfe, investierten in DefenceTech (Drohnen, Logistik, MedTech).
- Start-up‑Programme wie „Brave1“ fördern Innovation für die Front und den Zivilschutz; Unternehmen finanzieren teils Produktion über Spenden und verschenken Produkte an Staatseinrichtungen.
Lehren
- Für Länder mit großem Territorium (wie Schweden) sind mobile Lösungen (Wasser, Medizin, Verwaltung, Energie) strategisch wichtig.
- Nationale Roaming‑Modelle, Backup-Energieversorgung und robuste digitale Plattformen sind zentrale Anpassungsinstrumente.
- Staat und Privatwirtschaft müssen gemeinsam innovationsfreundliche Rahmenbedingungen schaffen, die im Krisenfall genutzt werden können.
- Schul‑ und Kita-Betrieb braucht eigene Krisen‑ und Schutzraumkonzepte – auch, um Eltern im System zu halten.
3.3 Versorgungssicherheit
Erfahrungen
- Trotz Krieges waren in vielen Regionen Waren meist verfügbar; Gründe: flexible Logistik, Vorratshaltung, andere Konsumgewohnheiten, Einstellung „wir kümmern uns selbst“.
- Im Gesundheitswesen fehlte High-Tech, aber Basis-Ausrüstung und TCCC‑Training (Tourniquets, Verbände, Ersthelfer*innen) erwiesen sich als lebensrettend.
- Für Treibstoffsicherheit setzte Ukraine auf dezentrale Lager in vielen kleinen Depots und kleinteilige Lieferungen an Tankstellen – weniger attraktive Ziele.
Lehren
- Vorräte sollten dezentral liegen (regional/kommunal), nicht nur in wenigen nationalen Großlagern.
- Nordische Kooperation bietet Chancen für gemeinsame Vorräte.
- Gerade beim medizinischen Material können einfache, aber robuste Produkte mit guter Ausbildung mehr bewirken als wenige High-Tech‑Geräte.
- Starke Haushalts- und Selbstvorsorge ist ein wesentlicher Resilienzfaktor.
3.4 Instandhaltung & Reparatur
Erfahrungen
- Telekommunikations- und Postinfrastruktur wurden massiv beschädigt; dennoch blieb das System erstaunlich funktionsfähig.
- Ein Grund: aufbewahrte Alt‑Ersatzteile und z.T. lokale Produktion.
- Bei Stromnetz und Bahn sind Ersatzteile schwierig, weil viel Technik sowjetischer Normen verwendet; internationale Hilfe ist nötig.
- Energieunternehmen bildeten zusätzliche mobile Reparaturteams, hielten spezialisiertes Personal vom Militäreinsatz zurück und arbeiteten eng mit Militär, Polizei und SESU wegen Minen und Doppelangriffen zusammen.
- Ehrenamtliche mit technischem Know-how wurden über zentrale Hubs in Reparaturarbeiten eingebunden.
Lehren
- Ersatzteilstrategie muss auch „alte“ Komponenten berücksichtigen, wenn diese in Altanlagen noch nutzbar wären.
- Verantwortliche für kritische Infrastrukturen sollten über eigene schnell mobilisierbare Reparaturteams verfügen.
- Prioritätenlisten, was zuerst repariert wird, sollten im Frieden festgelegt werden.
- Ehrenamtliche können Reparaturen unterstützen, brauchen aber Strukturen und Sicherheitskonzepte.
3.5 Kooperation, Führung & Personal
Kooperation & Führung
- In der Ukraine liegt die übergreifende Gesamtverantwortung beim Militär; Zivilstrukturen unterstützen.
- Auf Ebene der Oblaste gibt es formalisierte Zivil-Militär-Strukturen; der Gouverneur führt sowohl zivile als auch militärische Koordination.
- Kommunikation läuft oft über einfache Messenger‑Apps (Signal, WhatsApp, Telegram) – schnell und verbreitet, aber nicht immer sicher.
Personal
- Krieg führt zu massiven Personalengpässen in kritischen Sektoren (Gesundheit, Verwaltung, Infrastruktur).
- Schutz der Mitarbeitenden (Schutzausrüstung, Schutzräume am Arbeitsplatz) ist Voraussetzung, damit sie weiter arbeiten.
- Studenten und Hilfskräfte wurden früh in Gesundheitsberufe hineingezogen.
- Neues Kriminalitätsprofil (Kriegsverbrechen, Desertion, Bewaffnung der Gesellschaft) verlangt zusätzliche Spezialkompetenzen in Justiz & Polizei.
- Freiwillige werden gezielt eingebunden (z.B. Cybervolunteers, Reparaturteams) – allerdings riskieren einige, völkerrechtlich als Kombattanten zu gelten.
Lehren
- Klare Rollen- und Verantwortungszuweisung zwischen Militär, staatlichen Stellen, Kommunen und privaten Akteuren ist zentral – und muss geübt werden.
- Personalkonzepte brauchen Reserven, Umschulungs- und Versetzungsmechanismen, damit kritische Funktionen durchhalten.
- Freiwillige und Zivilgesellschaft müssen eingeplant werden – mit klar zivilen Aufgabenprofilen, um sie zu schützen.
- Breite Erste-Hilfe- und Blutungsstillungsschulung der Bevölkerung ist ein wichtiger Low‑Tech‑Hebel.
3.6 Cyber- & Informationssicherheit
Erfahrungen
- Seit 2014 hat Ukraine Organisationen, Gesetze und Partnerschaften aufgebaut, um Cyberangriffe besser abzuwehren.
- Enge Zusammenarbeit mit internationalen IT‑Unternehmen und Staaten; Fokus auf Schutz kritischer Assets und Wiederherstellungsfähigkeit.
- Große Firmen stellten Cloud-Kapazitäten bereit, um Daten zu sichern; Ukraine teilte bewusst Informationen mit Partnern – auch wenn das aus Sicherheits-/Datenschutzsicht heikel war.
- Tausende Freiwillige beteiligen sich an der sogenannten Cyber-Armee, mit unklarer völkerrechtlicher Stellung.
Lehren
- Informationsteilung zwischen Behörden und mit vertrauenswürdigen privaten Partnern muss rechtlich und praktisch für Krisenfälle vorbereitet werden.
- Partner brauchen frühzeitig technische Einblicke, um präventiv helfen zu können.
- Staaten müssen klären, wie weit zivile Freiwillige in Cyberkonflikte eingebunden werden sollen – und welche Schutzmechanismen gelten.
4. Beitrag zur militärischen Verteidigung
Erfahrungen
- Zivile Krankenhäuser behandeln massenhaft Soldaten – die militärische Medizin ist in die zivile integriert; Feldlazarette wären zu sichtbare Ziele.
- Rotes Kreuz, Rettungsdienste und Sanitätsfahrzeuge sind trotz Schutzsymbolen gezielt angegriffen worden; deswegen Verzicht auf sichtbare Markierungen.
- Bahn und Zivilfahrzeuge übernehmen einen Großteil von Evakuierung und Nachschub; militärische und zivile Transporte werden strikt getrennt, militärische Prioritäten gelten.
Lehren
- Zivile Gesundheitssysteme müssen für Massenanfall von Verwundeten (zivil & militärisch) ausgelegt werden.
- Zivile Transportkapazitäten (Bahn, Lkw, Omnibusse, Privatfahrzeuge) sind integraler Teil der militärischen Logistik und sollten dafür eingeplant und rechtlich abgesichert werden.
- Civil-Military Cooperation insbesondere auf lokaler Ebene ist entscheidend.
5. Resilienz, Informationskrieg & Verteidigungswille
5.1 Strategische Kommunikation
Erfahrungen
- Ab 2015 Aufbau staatlicher Strategischer Kommunikation; bei Kriegsbeginn 2022 noch nicht vollständig.
- Ukraine nutzte zu Beginn eine „One-Voice“-Strategie: nur Präsident und wenige andere sprachen, alle TV-Kanäle sendeten dieselben Botschaften.
- Später wichen Bevölkerung und Medien verstärkt auf Social Media aus, suchten mehr Vielfalt und Detailinformationen; Vertrauen in klassische Medien sank.
- International war die Kampagne, Ukraine als Verteidigerin von Demokratie und regelbasierter Ordnung darzustellen, sehr erfolgreich und mobilisierte breite Unterstützung.
Lehren
- Eine „One Voice“-Phase kann am Anfang sinnvoll sein, muss aber rechtzeitig in differenzierte Kommunikationsformen übergehen.
- Kommunikationsstrategien sollten auch schon die Zeit nach dem Krieg mitdenken („Wie geht es weiter, wenn wir gewinnen?“), um Hoffnung zu geben, ohne unrealistisch zu wirken.
- Kommunikationskoordination zwischen Regierung, Behörden, Militär, Wirtschaft und Zivilgesellschaft muss im Frieden aufgebaut und geübt werden.
5.2 Bekämpfung feindlicher Desinformation
Erfahrungen
- Ukraine hat Frühwarnsysteme und Software zur Erkennung russischer Desinformation; das Center for Countering Disinformation (CCD) erstellt regelmäßige Lageberichte zu Narrativen und Kanälen.
- Staatliche Stellen fokussieren nicht nur auf Widerlegung, sondern setzen eigene, proaktive Kampagnen.
- Russische und russlandnahe Medien sind blockiert; gemeinsame Newsplattform („United News TV“) bündelt Informationen.
- Funktionierende ukrainische Mobilfunknetze und Internetzugänge sind essenziell, um der Bevölkerung eigene Informationskanäle offen zu halten.
- Schulen, Universitäten und Think Tanks könnten stärker bei Medienbildung und Analyse eingebunden werden.
Lehren
- Ein aufgeklärtes, medienkompetentes Publikum mit Vertrauen in Institutionen ist die beste Abwehr gegen Desinformation.
- Staaten brauchen eigene hochwertige Content‑Produktionen (auch in Social Media‑Formaten), um gegen feindliche Narrative anzukommen.
- Medienkompetenz sollte früh im Bildungssystem verankert sein und Teil von Gesamtverteidigungsbildungwerden.
5.3 Verteidigungswille
Erfahrungen
- Trotz Kriegsmüdigkeit und sinkendem Vertrauen in Politik und Medien bleibt der Verteidigungswille hoch.
- Probleme bestehen bei Mobilisierung und Rotation, weil kein klares Enddatum für den Dienst existiert und viele Männer fliehen oder sich entziehen.
- Ein funktionierender Staat – pünktliche Löhne, saubere Straßen, funktionierende Verwaltung – trägt stark zum Durchhaltewillen bei.
Lehren
- Die Messung von „Verteidigungswille“ ist schwierig; klassische Umfragen können täuschen. Es sind bessere Messmethoden nötig (z.B. Szenarien, Verhaltensstudien).
- Die Bevölkerung verliert Motivation, wenn der Eindruck entsteht, der Staat funktioniere nicht oder der Krieg sei aussichtslos. Funktionsfähigkeit des Alltags ist daher selbst ein Verteidigungsfaktor.
- Psychische Gesundheit ist eine zentrale Voraussetzung für Verteidigungswille – hohe Traumatisierung kann ihn untergraben.
5.4 Schutz von Kulturerbe
Erfahrungen
- Kulturinstitutionen bleiben bewusst offen, soweit möglich; sie dienen Resilienz, Hoffnung und Verarbeitung von Kriegserfahrungen.
- Russland zerstört, plündert und deportiert systematisch ukrainisches Kulturerbe; UNESCO dokumentiert umfangreiche Schäden.
- Museen hatten begrenzte Evakuierungspläne und Material; wertvollste Objekte wurden verlagert, teilweise ins Ausland.
- Unbewegliches Erbe (Kirchen, Denkmäler) wird vor Ort mit Schutzmaßnahmen (z.B. Verkleidung, physischer Schutz) gesichert.
- Internationale Programme unterstützen Digitalisierung, Datensicherung und Notfallmaßnahmen; erstmals wurde über das UCPM gezielt Hilfe für Kulturerbe geleistet.
Lehren
- Kulturerbe ist ein strategisches Ziel und muss integraler Teil der Zivilschutzplanung sein (Evakuationslisten, Verteilkonzepte, Schutzmaterial, Personal, Dokumentation).
- Zuständigkeiten (z.B. Denkmalbehörde, Nationalarchive, Nationalbibliothek) müssen klar sein und in die Gesamtplanung eingebunden werden.
- International sollte Kulturerbe in Katastrophen- und Krisenmechanismen (z.B. UCPM) dauerhaft mitgedacht werden, nicht erst ad hoc.
6. MSB‑Einsätze in der Ukraine & Lerneffekte für Schweden
MSB war seit 2014, verstärkt seit 2022, mit umfangreicher Hilfe tätig:
- Sachhilfe & Logistik: Energieausrüstung, Löschfahrzeuge, Wasser-/Abwassersysteme, Schulbusse, Minenräumungstechnik, CBRN‑Material, Straßen‑/Schienenmaterial, Medizinprodukte und Arznei.
- Koordination von Spenden aus schwedischen Behörden, Kommunen und Privatwirtschaft; Nutzung der EU‑Mechanismen (UCPM, rescEU).
- Entsendung von Expert*innen in UN‑Organisationen, OSZE, EU‑Missionen, u.a. in den Bereichen Minenräumung, Logistik, Gesundheit, Unterkünfte.
- Train-the-Trainer‑Programme für medizinische Erstversorgung (Blutungsstillung etc.) – bisher etwa 80 Trainer, die rund 60.000 Personen ausgebildet haben.
- rescEU-Notunterkünfte: bis zu 3.000 Unterkunftseinheiten für ca. 15.000 Menschen, unter hohem Zeitdruck konzipiert und geliefert.
- Medizinische Evakuierung (Medevac): Schweden nahm bisher knapp 200 Patient*innen auf; MSB koordinierte Transport, Logistik und Schnittstellen zwischen EU‑Hub in Polen, Ukraine, schwedischen Regionen und Behörden.
Wichtige Lehren aus den Einsätzen
- Materialhilfe entfaltet ihre Wirkung erst richtig, wenn Schulung und technische Unterstützung mitgeliefert werden.
- Eus‑Mechanismen (UCPM, rescEU) funktionieren gut, erfordern aber schnelle, flexible Verwaltungsprozesse – Zeitdruck kann zu Suboptimalitäten (z.B. ungeeignete Unterkunftstypen) führen.
- Einige Missionen – etwa Medevac – sind komplexer als zunächst gedacht und binden viele Sektoren; koordinierende Stellen müssen bereit sein, mehr Verantwortung zu tragen als formal vorgesehen.
- Schwedische Gesundheitsversorgung gewinnt enorm an Erfahrung mit Kriegsverletzungen und multiresistenten Keimen – ein Nutzen auch für die eigene Vorsorge.
- Internationale Einsätze wirken wie ein „Trainingslager“ für den eigenen Zivilschutz: Planungs‑, Logistik‑ und Kooperationskompetenzen werden gestärkt.
7. Gesamtschlussfolgerungen & zentrale Empfehlungen
Der Bericht nennt drei übergreifende Hauptlehren:
- Angriffe auf Zivilbevölkerung und Infrastruktur sind zu erwarten – trotz humanitären Völkerrechts. Zivilschutzstrukturen müssen darauf ausgerichtet sein.
- Frühe Vorbereitung und Planung (Gesetze, Strukturen, Infrastruktur, Daten, Übungen) erhöhen die Resilienz enorm.
- Gesellschaftliche Anpassungsfähigkeit UND Durchhaltefähigkeit sind entscheidend – vom Individuum bis zur Volkswirtschaft.
Aus zahlreichen Detailvorschlägen ragen u.a. folgende Empfehlungen für Schweden hervor:
- Nationale Priorisierungs- und Umverteilungsmechanismen für Ressourcen zwischen Regionen, Sektoren und im Rahmen internationaler Hilfe entwickeln.
- Strukturen für Empfang und Verteilung internationaler Hilfe inkl. Host Nation Support klären und einüben (Rolle von MSB, Regionen, Nachbarländern).
- Breite Erste-Hilfe- und Blutungsstillungsprogramme für die Bevölkerung aufbauen.
- Psychische Gesundheit explizit im Zivilschutz verankern; Kapazität und Angebote für Einsatzkräfte und Zivilbevölkerung stärken.
- Verantwortung für Bestattungswesen und für Instandsetzung & Reparatur im Zivilschutz klar zuweisen und entsprechende Organisationen aufbauen.
- Sicherstellen, dass Binnenvertriebene weiterhin Leistungen (Sozial-/Arbeitslosen-/Renten) erhalten können, u.a. durch digitale Systeme.
- Detaillierte Pläne zur Absicherung von Kerndaten (Backups, Verlagerung, Vernichtung) ausarbeiten.
- Evakuierungs- und Unterbringungsplanung national koordinieren; unklare Zuständigkeiten (Migration vs. Binnenflucht) auflösen.
- Bildungsträger (Schulen, Kitas, Hochschulen) in die Gesamtverteidigungsplanung einbinden und entsprechend finanzieren.
- Unexplodierte Munition / Minenräumung als eigenständige Kernaufgabe mit klarer Zuständigkeit definieren.
- Physische Schutzbauwerke (Schutzräume, verstärkte Bereiche) ausbauen und einfache Selbstschutzmaßnahmen fördern.
- Eine langfristige nationale Kommunikationsstrategie für Krisen/ Krieg entwickeln, inklusive Social-Media‑Ansatz und Wissensaufbau über Totalverteidigung in der Bevölkerung.
Transparenz: Ein Teil des Artikels ist mit Hilfe von künstlicher Intelligenz formuliert worden.
Dieser Beitrag ist am 13. November 2025 auch auf LinkedIn erschienen.