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Von der Vision zur Architektur: Ein detaillierter Rückblick auf den KI-Hackathon für die Pflege in Kassel am 3.2.2026

11. Februar 2026 · Gerhard Müller

Von der Vision zur Architektur: Ein detaillierter Rückblick auf den KI-Hackathon für die Pflege in Kassel am 3.2.2026

Am 3. Februar 2026 nahm ich gemeinsam mit meinem Kollegen Mirco Beyer (Referent für Kooperationsentwicklung beim Caritas-Netzwerk IT e. V.) am KI-Hackathon in Kassel teil. Die Veranstaltung, organisiert von sehr vielen verschiedenen Akteuren, insbesondere aktiv getrieben / moderiert durch den FINSOZ e. V. (Prof. Dr.-Ing. Dietmar Wolff)(Rolf Baumann, Diakonie Baden (André Peters), dem Verband diakonischer Dienstgeber in Deutschland (VdDD) (Rolf Baumann), aber mit Unterstützung von ganz vielen, sowohl aus der Wissenschaft, der Wirtschaft und anderen Verbänden, also auch von uns im Caritas-Netzwerk IT e. V.).

Wirklich hilfreich war, dass die Veranstaltung gefördert wurde durch das Projekt Datengrundlagen für KI-Lösungen in der Pflege (#DaKILP) im Rahmen der Innovationsgemeinschaft DATI-Pilot “Community Innovative Pflege” durch das BMFTR.

Was haben wir uns zum Ziel gesetzt: Den Startpunkt zu definieren für die Entwicklung einer gemeinwohlorientierten Datenbasis und konkreter KI-Anwendungsfälle für die Pflege.

In der Diskussion um Künstliche Intelligenz in der Sozialwirtschaft bewegen wir uns oft zwischen zwei Extremen: abstrakten Zukunftsvisionen auf der einen und den mühsamen Realitäten der IT-Infrastruktur auf der anderen Seite. Dieser Tag in Kassel war der Versuch, diese beiden Welten konkret zusammenzuführen.

In diesem Artikel möchte ich die Ergebnisse des Tages ausführlich dokumentieren, insbesondere die Arbeit meiner Gruppe an präventiven KI-Modellen (“PräKI”), und die strategischen Implikationen für unsere Branche einordnen.


1. Das Setting: Ein interdisziplinärer Schulterschluss

Was diese Veranstaltung von vielen anderen unterschied, war die Zusammensetzung des Teilnehmerfeldes. Es ist in unserer Branche nicht selbstverständlich, dass die verschiedenen Akteure so eng verzahnt an einem Tisch arbeiten. In Kassel trafen Start-ups auf etablierte Softwarehersteller, Träger der Freien Wohlfahrtspflege auf private Anbieter, und Vertreter aus Ministerien auf Wissenschaftler und IT-Experten. Insgesamt waren wir 50 Menschen!

Der persönliche Eindruck: Nach vielen virtuellen Begegnungen war der direkte, physische Austausch von hohem Wert. Es zeigte sich eine bemerkenswerte Offenheit im Dialog. Die sonst oft spürbaren Grenzen zwischen den Sektoren oder Wettbewerbern traten in den Hintergrund. Der Fokus lag eindeutig auf der Sachebene: Wie können wir Daten und KI nutzen, um die drängenden Probleme der Sozialwirtschaft – Fachkräftemangel, Demografie, Qualitätssicherung – zu adressieren? Diese konstruktive Arbeitsatmosphäre war die Basis für die dichte inhaltliche Arbeit des Tages.


2. Der strategische Rahmen: KI als vierte Kulturtechnik

Den inhaltlichen Rahmen setzte Dr. Dustin Feld (Head of Technology Innovation bei Medifox Dan) mit einem prägnanten Impuls. Er nutzte eine Metapher aus dem Film Der Zauberer von Oz: „Toto, I’ve a feeling we’re not in Kansas anymore.“

Seine Kernbotschaft war technologisch wie soziologisch relevant: Wir erleben derzeit nicht lediglich ein Werkzeug-Upgrade, sondern einen fundamentalen Wandel in der Art und Weise, wie wir mit Software interagieren.

  • Von der Bedienung zum Dialog: Die Ära, in der wir Software aktiv “bedienen” müssen (Suchen, Klicken, Speichern in Ordnerstrukturen), neigt sich dem Ende zu.
  • Die “leise” KI: Das Ziel sind Systeme, die im Hintergrund agieren (“leise”, nicht “stumm”) und Probleme lösen, bevor sie vom Anwender als solche wahrgenommen werden. Ein Beispiel wäre ein Tourenplanungs-Agent, der bei Krankmeldung eines Mitarbeiters autonom Umplanungen vorschlägt und kommuniziert.

Meine Einordnung: Ich habe in der Diskussion die These vertreten, dass wir Digitalisierung mit KI als die vierte Kulturtechnik der Menschheit begreifen müssen – nach Lesen, Schreiben und Rechnen. Dies impliziert eine enorme Verantwortung für uns als Sozialwirtschaft: Wir müssen sicherstellen, dass unsere Organisationen und Mitarbeitenden diese Technik nicht nur nutzen, sondern auch verstehen und ethisch einordnen können (“Digital Literacy”).


3. Deep Dive: Ergebnisse der Arbeitsgruppe 4 Community-Aufbau

Unter der Moderation von André Peters widmete sich meine Arbeitsgruppe der Frage, wie ein Netzwerk aussehen muss, das eine solche technologische Transformation trägt. Wir haben uns dabei bewusst von den Restriktionen der Gegenwart gelöst und ein Zielszenario für das Jahr 2032 entwickelt.

Dabei entstanden konkrete Konzepte, die weit über reine Netzwerktheorie hinausgingen. Besonders intensiv habe ich mit anderen Teilnehmern an folgendem Modell gearbeitet:

A. Das Konzept der Präventions-KI (PräKI)

Die Diskussion um die PräKI war eines der zentralen Ergebnisse unserer Gruppe. Sie adressiert einen systemischen Webfehler: Unser Gesundheitssystem ist primär reaktiv ausgelegt. Es finanziert Interventionen, wenn ein Schaden bereits eingetreten ist.

Die Funktionsweise: Die Idee der PräKI basiert auf der Aggregation verschiedener Datenquellen (unter Wahrung des Datenschutzes):

  • Sensorik im häuslichen Umfeld.
  • Analyse von Mobilitätsdaten (Gangbild).
  • Vitalwerte und Pflegedokumentation.

Durch die KI-gestützte Analyse dieser Daten können Risiken – etwa eine erhöhte Sturzgefahr oder drohende Vereinsamung – erkannt werden, bevor sie sich manifestieren.

Das ökonomische Modell: Der entscheidende Punkt unserer Diskussion war die Finanzierung. Wir postulierten einen Shift von der Finanzierung der Leistung hin zur Finanzierung der Vermeidung.

  • Wenn nachweisbar ist, dass durch KI-gestützte Prävention statistisch ein Oberschenkelhalsbruch oder der Übergang in die stationäre Pflege um signifikante Zeiträume verzögert werden kann, entstehen massive Einsparungen für die Kostenträger.
  • Diese “Vermeidungsrendite” könnte reinvestiert werden: in die Technik selbst, aber vor allem in menschliche Zuwendung und Ehrenamtsstrukturen, die präventiv gegen soziale Isolation wirken.

Dieses Modell erfordert nicht nur Technologie, sondern auch mutige Partner auf Seiten der Kranken- und Pflegekassen sowie eine wissenschaftliche Begleitung zur Evidenzsicherung.

B. Weitere Konzepte der Gruppe

  • “Make My Day” – Der persönliche Agent: Ein Konzept für einen KI-Assistenten in der Häuslichkeit, der weit über heutige Sprachassistenten hinausgeht. Er agiert als Organisator des Alltags für Pflegebedürftige und entlastet pflegende Angehörige (Terminkoordination, Bestellung von Lebensmitteln, Notfallmanagement).
  • Legal Tech / Gesetzes-KI: Ein innovativer Ansatz zur Bürokratiebewältigung. Eine KI, die komplexe Sozialgesetzgebungen und Verordnungen analysiert, Widersprüche aufzeigt und die Auswirkungen neuer Regelungen auf die Praxis simuliert. Dies wäre ein Werkzeug zur “Gesetzesoptimierung”.

4. Synthese: Die Ergebnisse der anderen Arbeitsgruppen

Ein Hackathon lebt davon, dass verschiedene Stränge zusammenlaufen. Die Arbeit unserer Community-Gruppe wäre ohne die technischen und ökonomischen Grundlagen der anderen Gruppen substanzlos. Hier eine detaillierte Zusammenfassung der Ergebnisse aus dem Plenum:

Gruppe 1: Gemeinwohlorientierte Datenbasis

Moderation: Prof. Dr.-Ing. Dietmar Wolff Diese Gruppe beschäftigte sich mit dem Fundament: Wie bekommen wir die Daten aus den Silos?

  • Status Quo: Es existieren riesige Datenmengen (z.B. in Systemen wie Vivendi oder Connext), die jedoch oft unstrukturiert sind und brachliegen.
  • Lösungsansatz: Anstatt auf eine perfekt strukturierte, zentrale Datenbank zu warten, schlägt die Gruppe einen pragmatischen Weg über Metadaten auf Prozessebene vor.
  • Der “Trusted Data Holder”: Es wurde das Modell eines Intermediärs entwickelt. Diese neutrale Instanz hält die Daten nicht zwingend selbst, sondern organisiert das Mapping, die Pseudonymisierung und den rechtssicheren Austausch zwischen Datenquelle (Einrichtung) und Datennutzer (Forschung/KI).
  • Standards: Ein klares Bekenntnis zu Open Source und Interoperabilitätsstandards wie FHIR.

Gruppe 2: Geschäftsmodellentwicklung

Moderation: Rolf Baumann Hier wurde die ökonomische Basis diskutiert.

  • Zielgruppe: Der Fokus liegt zunächst auf professionellen Akteuren (B2B), also Leistungserbringern, nicht direkt auf Endverbrauchern.
  • Organisationsform: Als vielversprechendes Modell wurde eine Datengenossenschaft identifiziert (vergleichbar mit der DENIC). Dies sichert die Neutralität und die Förderung der Mitglieder.
  • Wertschöpfung: Datenbereitstellung verursacht Kosten (Qualitätssicherung, Veredelung). Es wurden Modelle skizziert, wie Datenlieferanten vergütet werden oder im Gegenzug vergünstigten Zugang zu den KI-Ergebnissen erhalten (“Data for Service”).

Gruppe 3: KI-Use-Cases

Moderation: Michael Weber Diese Gruppe erarbeitete konkrete Anwendungsfälle für die Pflegepraxis, z.B.:

  • Schmerzmanagement: Ein KI-Agent, der Medikationsdaten und dokumentierte Schmerzverläufe auf Plausibilität prüft, um die Lebensqualität chronischer Schmerzpatienten zu verbessern.
  • Sturzprävention: Ähnlich unserem Ansatz in Gruppe 4, jedoch mit starkem Fokus auf die technische Integration von Sensorik und Dokumentationsdaten.
  • Sektorenübergreifende Pflegeplanung: Eine KI, die bei der Überleitung vom Krankenhaus in die Pflege aus historischen, anonymisierten Daten ähnlicher Fälle (“Digital Twins”) einen optimalen Vorschlag für die Pflegeplanung generiert.

5. Ausblick und nächste Schritte

Am Ende der Veranstaltung stand ein Zeitplan bis zum Jahr 2028. Das Ziel ist die Etablierung des Hackathons als jährliches Format sowie die Verstetigung der Arbeit in einem Sounding Board.

Für mich persönlich und für das Caritas-Netzwerk IT e. V. ergeben sich aus diesem Tag klare Handlungsaufträge, die ich im Abschlussplenum auch so formuliert habe:

  1. Schnittstelle KI & Cybersecurity: KI ist janusköpfig. Sie benötigt Daten (die geschützt werden müssen), kann aber auch helfen, Cyberangriffe abzuwehren. Ich werde mich im Netzwerk dafür einsetzen, dass diese beiden Themen stets zusammengedacht werden.
  2. Community Building: Ein Netzwerk lebt von Kommunikation. Ich werde unterstützen, die Vernetzung über unsere Kanäle (z.B. Etablierung von Signal-Gruppen) voranzutreiben, damit der fachliche Austausch zwischen den Präsenzveranstaltungen nicht abreißt. Außerdem habe ich viele Bilder von der Veranstaltung gemacht und mit anderen geteilt, damit wir hier alle gut über die Veranstaltung berichten können. Einige haben es auch hier in diesen LinkedIn-Post geschafft…

Nächster Meilenstein: Am 10. März findet ein digitales Folgetreffen statt, um die Ergebnisse zu konsolidieren und die konkreten nächsten Schritte für die Pilotierung der Präventions-KI zu planen.


Fazit

Der KI-Hackathon in Kassel hat gezeigt, dass die Sozialwirtschaft über das notwendige Know-how und den Gestaltungswillen verfügt, um die digitale Transformation aktiv zu prägen. Wir sind nicht darauf angewiesen, passiv auf Lösungen großer Tech-Konzerne zu warten.

Die Kombination aus Fachexpertise, ethischem Kompass und der Bereitschaft zur trägerübergreifenden Zusammenarbeit ist ein starkes Fundament für eine europäische, gemeinwohlorientierte KI. Es liegt nun an uns allen, diese Konzepte in die Umsetzung zu bringen.

Mein Dank gilt allen Teilgebenden, den Moderatoren für die professionelle Organisation und Durchführung dieses wichtigen Formats, sowie der Unterstützung durch das BMFTR!

Weitere LinkedIn-Posts zum Event: Vom Team innovative Pflege e.V.: Post oder von Verband diakonischer Dienstgeber in Deutschland (VdDD): Post

Ich freue mich über den weiteren Austausch zu diesem Thema. Welche Erfahrungen machen Sie in Ihren Organisationen mit der Vorbereitung auf KI-Anwendungen? Wären Sie bereit, Ihre Daten zu teilen?

Falls Sie aus dem Caritas-Umfeld kommen: Wir haben eine Erfahrungsaustauschgruppe für Mitglieder im Caritas-Netzwerk IT e. V. zum Thema Einführung und Nutzung generativer künstlicher Intelligenz. Wenn Sie mit teilgeben wollen: Tragen Sie sich bitte hier ein.

#KI #Sozialwirtschaft #Pflege #Digitalisierung #Community


Dieser Beitrag ist am 11. Februar 2026 auch auf LinkedIn erschienen.

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